Richtig wohl fühlte sich Christian Wasserfallen nicht, als er am vergangenen Donnerstag zum Geschäft Nr. 12.079 vor seinen Ratskollegen sprach. Der FDP-Nationalrat hält nichts von der Energiewende. Ginge es nach ihm, würden in der Schweiz auch nach dem Jahr 2050 die Atommeiler dampfen. Doch Wasserfallen ist Präsident der Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur. Und die will, dass die ETH Zürich und Lausanne zusätzliche 60 Millionen Franken für die Erforschung erneuerbarer Energien erhalten. Wind, Wasser, Sonne: Damit soll die Schweiz in Zukunft ihren Strom produzieren. Nicht mit der Kernspaltung. Kein Rappen dieser Millionen geht in die Nuklearforschung. Das ärgerte Wasserfallen: "Es kann nicht sein, dass die Politik definiert, was gute und was schlechte Forschung ist."

Es war eine Nebenbemerkung, von den meisten Parlamentariern im Saal überhört – doch sie traf einen wunden Punkt.

Forschungsförderung ist heute oftmals Wirtschaftsförderung. Sie ist ein Machtinstrument.

Nicht nur Private und Firmen nehmen Einfluss auf Forschung und Lehre an den Schweizer Universitäten, wie 27 Professoren in ihrem "Zürcher Appell" kritisierten (ZEIT Nr. 10/13 und Nr. 11/13). Auch die Politik mischt sich direkt in die Wissenschaft ein, und sie gefährdet damit deren Unabhängigkeit.

Die Einflussnahme erfolgt sanft. Nicht über die festen Budgets der Hochschulen, wovon weiterhin gut 70 Prozent aus der Staatskasse stammen, sondern über die sogenannten Drittmittel.

Was Firmen das Sponsoring an den Universitäten ist, sind der Politik das Forschungsmandat sowie die Gelder des Schweizerischen Nationalfonds.

In den vergangenen zehn Jahren verdoppelte sich die Forschungsförderung aus dem Nationalfonds auf heute 758 Millionen Franken. Die öffentliche Hand vergab 2011 für knapp 200 Millionen Franken Forschungsaufträge an die Hochschulen – vor zehn Jahren waren es noch 114 Millionen. Und aus den Forschungsprogrammen der Europäischen Union flossen 2011 weitere 152 Millionen Franken an die Schweizer Universitäten.

Mit diesen Abermillionen, deren Verwendungszweck die Politik selber bestimmt, rüttelt sie an der Freiheit der Forschung.

"Wenn man es ganz streng auslegt, dann kann man es so sehen", sagt Fritz Schiesser. Aber der Präsident des ETH-Rats sieht den Einfluss der Politik entspannt. "Wer das Geld zur Verfügung stellt, der darf auch bestimmen, was damit passiert." Schließlich hätten die beiden ETH einen Leistungsauftrag des Bundes und der könne jederzeit ergänzt werden. Doch kratzen die 60 Millionen für die Energieforschung nicht an der Autonomie seiner Hochschulen? "Ich war selbst Parlamentarier", sagt der ehemalige freisinnige Glarner Ständerat: "Damals habe ich auch über Forschungsaufträge mitentschieden. Die beiden ETH sind schließlich für den Staat da – und nicht umgekehrt."

In der politischen Debatte wird daraus häufig ein simpler Dreisatz abgeleitet: Die Hochschulen forschen, daraus entstehen Produkte, und die schaffen wiederum Wohlstand. Eine Innovationskette nennt man das.

Nun aber reißt man an dieser Kette. Die Politik will mit ihrem Geld die wissenschaftliche Neugierde in jene Felder lenken, wo sie sich eine milliardenschwere Wertschöpfung erhofft.

Ein Beispiel ist das Großprojekt SystemsX. Es sollte der Systembiologie in der Schweiz zum Durchbruch verhelfen. Sie geht der Frage nach, wie die Moleküle in unserem Körper wirken.

Anfang der nuller Jahre befand der damalige Basler SP-Ständerat Gian-Reto Plattner: Wir müssen etwas für den Forschungsstandort Basel tun. Denn bald, so befürchtete er, würden die Medikamenten-Pipelines der Pharmafirmen austrocknen. Der Sozialdemokrat tat sich für sein Vorhaben mit Roche und Novartis zusammen. Der Staat sollte das Feld bereiten für weitere Forschungserfolge, die sich mittelbar zu (Steuer)-Geld machen ließen. Das Lobbying von Politik und Wirtschaft hatte Erfolg. In noch nie dagewesenem Ausmaß wurde in die Grundlagenforschung investiert – allein 220 Millionen flossen aus der Bundeskasse. Zusammen mit den Investitionen der beteiligten Universitäten und der beiden ETH werden es circa halbe Milliarde Franken öffentlicher Gelder sein. Heute, fünf Jahre nach dem Projektstart, zieht der Forschungsleiter Ruedi Aebersold ein erstes Fazit: "SystemsX hat zu einem Paradigmenwechsel in der Biologie geführt, ein neues Denken hat sich durchgesetzt."

Die Wissenschaft profitierte vom staatlichen Geldsegen. Aber die Wirtschaft verlor das Interesse an der Systembiologie.

Die Pharmafirmen haben sich aus dem Projekt zurückgezogen. Nicht einmal ein Drittel der versprochenen 26 Millionen Franken haben sie investiert. Die Brücke zwischen Grundlagenforschung und Medikament war ihnen zu groß.

Die Hochschulen forschen, daraus entstehen Produkte, und die schaffen wiederum Wohlstand – hier funktionierte dieser Dreisatz nicht.