Dafür, dass er normalerweise lieber schweigt als spricht, redet Mariano Rajoy schon ziemlich lange. Fast anderthalb Stunden sind vergangen, seit er die kleine Treppe hinaufgestiegen ist, die zum Rednerpult des spanischen Kongresses führt. Und wenn er nur etwas mehr Sorgfalt auf seinen Vortrag verwenden würde, statt die vielen Worte, die ihm seine Mitarbeiter aufgeschrieben haben, hastig wegzulesen – das Manuskript hätte für eine zwei- oder dreistündige Rede gereicht. So aber kommt Rajoy nach 90 Minuten zum Schluss. "Wir haben viele Arbeitsplätze verloren", sagt er. "Wir sind von allen erdenklichen wirtschaftlichen Turbulenzen durchgeschüttelt worden, wir haben viele Schmerzen erlitten. Aber das Schiff ist nicht gesunken."

Seit Dezember 2011 ist Rajoy Ministerpräsident, aber für die Menschen, die er regiert, ist er noch immer schwer zu fassen. Ein Politiker, der sich ungern erklärt; ein Techniker der Macht, der stets etwas hölzern wirkt, auch jetzt im Parlament, wo er – es ist Ende Februar – seine erste Rede zur Lage der Nation hält.

"Mysterious Mariano" hat der britische Economist den spanischen Regierungschef getauft: der rätselhafte Herr Rajoy.

Als Rajoy ins Amt kam, war Spanien, das Schiff, schon leckgeschlagen. Nun sind die Defizitzahlen gesunken, die Wettbewerbsfähigkeit verbessert sich langsam. Aber die Zahl der Arbeitslosen steigt und steigt. Im Februar waren es mehr als sechs Millionen, ein Höchststand. Behält die EU-Kommission mit ihren Prognosen recht, werden es am Jahresende noch mehr sein. Dass ein Ende der Krise in Sicht sei, klingt in den Ohren vieler Spanier wie Hohn. Defizitzahlen und Lohnstückkosten bleiben kalte, statistische Erfolge, solange es keine Arbeit gibt.

Wie lange hält eine Regierung das durch? Wie lange kann sie den Menschen etwas nehmen, ohne ihnen etwas zurückgeben zu können – außer dem vagen Versprechen, eines Tages werde es besser? Wie lange kann ein Land von der Hoffnung leben?

Fast alles getan, was die EU erwartet hat

Diese Fragen stellen sich nicht nur in Spanien. In Portugal demonstrierten zuletzt Hunderttausende gegen die Sparpolitik; in Italien haben die Wähler dem Reformer Monti gerade das Mandat entzogen; in Griechenland taumelt die Regierung weiterhin am Abgrund. Die Krise hat, vom Norden Europas lange unbemerkt, in den vergangenen Monaten die Arena gewechselt. An den Finanzmärkten ist etwas Ruhe eingekehrt; dafür gärt es in den betroffenen Ländern. Ob Europa den Kampf gegen die Krise gewinnt, wird längst nicht mehr in Brüssel oder Berlin entschieden, sondern in Lissabon, Athen oder Madrid.

In Spanien herrschen auf den ersten Blick relativ stabile Verhältnisse. Als Mariano Rajoy seine Rede beendet hat, die kleine Treppe hinuntersteigt und sein Manuskript in einer schwarzen Ledertasche verstaut, erheben sich die Abgeordneten seiner Partei, der konservativen Partido Popular (PP). 186 von 350 Abgeordneten stehen klatschend im Halbrund des Parlamentssaals – Rajoy regiert ohne Koalitionspartner, mit einer absoluten Mehrheit der Mandate.

Mit dieser Mehrheit hat er Spanien in den letzten 15 Monaten einen scharfen Spar- und Reformkurs verordnet. Seine Regierung hat die Einkommen im öffentlichen Dienst gekürzt, die Ausgaben für Bildung und Gesundheit reduziert, das Arbeitslosengeld zusammengestrichen, die Mehrwertsteuer erhöht, den Arbeitsmarkt flexibilisiert. Man könnte sagen, Rajoy hat fast alles getan, was die EU-Kommission und Angela Merkel von ihm erwartet haben.

Wahlversprechen standen gegen Pflichterfüllung

Dabei hat er manches Versprechen an seine Wähler gebrochen. "Wir werden unsere Aufgaben machen", hatte Rajoy im Wahlkampf verkündet. Aber was genau das bedeuten würde, ließ er im Ungefähren; Steuererhöhungen schloss er ausdrücklich aus. Vor dem Parlament widersprach Rajoy nun dem Vorwurf der Wählertäuschung mit der Begründung, er habe seine Wahlversprechen unmöglich einhalten können, "weil ich meine Pflicht als Ministerpräsident erfüllen musste".

Nur so, erklärt ein hochrangiger Regierungsvertreter, habe man das Vertrauen in Spanien wieder herstellen können. Er meint das Vertrauen der Anleger; das Vertrauen der Bürger blieb auf der Strecke. Umfragen zeigen einen dramatischen Kurssturz: Drei Viertel der Spanier lehnen die Politik Rajoys ab. Seine Partei käme derzeit auf 24 Prozent der Stimmen, bei der Wahl waren es noch 44,6 Prozent. Selten hat eine Regierung so schnell so viel politisches Kapital verloren.

Rajoy hat seinen Teil dazu beigetragen. Der 57-Jährige ist kein ideologischer Scharfmacher wie sein Vorgänger an der Spitze der spanischen Konservativen, José María Aznar. Aber er ist gefangen in der starren parteipolitischen Polarisierung, die Spaniens Politik seit Jahrzehnten prägt. Alle Forderungen, auf die Opposition oder die Gewerkschaften zuzugehen, hat er ignoriert. Einvernehmen, das über die eigene Partei hinausreicht, kann oder will er nicht herstellen. "Es gibt in der Gesellschaft mehr Konsens als im Parteiensystem", sagt der Direktor des Madrider Forschungsinstituts Elcano, Charles Powell. "Das führt zwangsläufig dazu, dass sich die Wähler von den Parteien abwenden."