Eine besonders knackige Erkenntnis, schön sauer und belebend, scheint das Äpfelchen dann doch nicht zu verheißen. Kein Duft, kein Saft, vermutlich nicht mal Vitamine. Doch immerhin, dieser Apfel bekommt keine durchgeweichten Stellen, er schimmelt nicht, verdorrt nicht, er bleibt. Ist halt ein echter Kunstgeschichtsapfel – und verspricht ganz eigene Genüsse.

Als ihn der tschechische Künstler Jiří Kolář (1914 bis 2002) aus vielen kleinen Zettelchen zusammenleimte, kannte man Kunstgeschichtsäpfel eigentlich nur von Gemälden. Dort – bei Caravaggio oder Cézanne – leuchteten sie zumeist verführerisch. Und enttäuschten die Lust, die sie weckten. Schließlich hat noch niemand einen Apfel mit den Augen gegessen.

Auch Kolář übte sich in der Kunst der verlangenden Entsagung, auf seine Weise. Der Rote Apfel ist beschriftet, seine Schale ist aus Wortfetzen in gotischen Lettern gefügt, doch lesen, gar verstehen lässt sich davon so gut wie nichts. Einsicht und Vernunft scheint dieser Apfel zu versprechen – und versagt sie uns.

Als Kolář sein Werk zusammenleimte, hatte die politische Welt gerade gebebt. Es war in Ungarn, 1969, ein Jahr nach dem niedergeschlagenen Aufstand. Und so riecht dieser Apfel eben doch, sogar nach Frühling. Er duftet nach dem Jubel in Prag. Und ebenso danach, dass die Freiheit, die zum Greifen nah schien, wieder vertrieben wurde.

Nun kann man den politischen Kunstapfel ersteigern, bei Venator & Hanstein in Köln (Taxe 500 Euro).