Martin Kippenberger, dem der Hamburger Bahnhof in Berlin gerade eine Ausstellung widmet, wird auf einem Hinweisschild von den Kuratoren als Künstler, Tänzer und Trinker bezeichnet. Er ging in die Paris Bar und tauschte seine Zeichnungen gegen das lebenslange Recht, dort trinken und essen zu dürfen. Die Schwächen anderer Leute sind viel leichter zu akzeptieren, wenn sie daraus eine Stärke gemacht haben.

Wenn man kein Künstler ist, wird es schwieriger zu erklären, dass man am Tresen einer Bar einen langweiligen Tag und all die Dinge vergessen will, die man sich vorgenommen hat. Dass man Probleme verdrängen will, die sich sowieso nicht lösen lassen, oder dass man dort einfach viel mehr Spaß hat, als es nüchtern nun mal möglich ist. Gesundheit ist heute eine Tugend, eine soziale Pflicht, und Frische ist das oberste Gebot. Eine Freundin rechtfertigte sich neulich, ohne dass ich sie darum gebeten hätte: Ich esse kaum Fleisch, kein Weißmehl, ich trinke zwei Liter Wasser am Tag, ich rauche nicht, ich mache Sport, gehe in die Therapie, um an mir zu arbeiten. Sie schlug mit der flachen Hand auf den Tresen und rief mit schwerer Zunge: Wenn ich nicht ab und zu trinken würde, wäre ich eine Heilige! Dank ihres gesunden Lebensstils, wollte sie damit wohl sagen, hatte sie es sich verdient, dass wir in dieser Bar saßen, die von zwei sehr jungen Amerikanern in Mitte betrieben wird – in Amerika dürfen sie wahrscheinlich noch nicht mal trinken –, und schon den zweiten bitteren, hochprozentigen Cocktail namens Berlioni tranken, bestehend aus Gin, Cynar, dem italienischen Artischockenlikör, und Vermouth. Ein Drink für Profis.

In Chicago gibt es eine Klinik, in der man sich behandeln lässt, wenn man am Abend zuvor zu viel getrunken hat. Man bekommt eine Infusion gelegt, die gegen die alkoholbedingte Dehydrierung wirkt, sodass der Kopfschmerz nachlässt. Man kann direkt danach ins Büro. Das ist sicher angenehm, aber ich hoffe, es bleibt eine Chicagoer Kuriosität. Trinken ist nur der halbe Spaß, wenn man am nächsten Tag keine Reue empfindet. Bedauern, eine gewisse Melancholie und dieses schwindelige Gefühl, das sich zur Übelkeit gesellt: das Gefühl, sein Leben trotz aller Bemühungen nicht wirklich im Griff zu haben.

Dennoch würde ich mein Selbstporträt mit Tränensäcken und krümeliger Wimperntusche vom Morgen danach nicht gleich den Leuten von der Website schicken, die sich "Deutsches Museum des Katers" nennt. Obwohl ich damit zur Pionierin werden würde, was ja heute immer schwieriger wird. Bisher haben nur verkaterte Männer ihre Bilder dort veröffentlicht.