DIE ZEIT: Herr Hofmann, Herr Aly, Sie beide sind Geschichtsbesessene, der eine Historiker, der andere Filmproduzent, beide haben Sie sich intensiv mit dem Nationalsozialismus auseinandergesetzt. Am Sonntag startet das ZDF den von Ihnen, Herr Hofmann, produzierten Dreiteiler Unsere Mütter, unsere Väter. Herr Aly, Sie haben den Film vorab gesehen – wie hat er Ihnen als Historiker gefallen?

Götz Aly: Na ja, ich betrachtete ein Schlachtengemälde vom Krieg, einen langen Schinken. Der Film hat etwas von Grimmelshausen oder auch von Ein Kampf um Rom; er zeigt ein geschichtliches Drama, in dem das gesamte Geschehen auf Individuen und deren allzu wundersame Schicksale heruntergebrochen wird. Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen Gut und Böse, gerechtem und ungerechtem Krieg. Allerdings: Ich habe meinen Vater und meine Mutter in diesem Film wiedererkannt.

ZEIT: Inwiefern?

Aly: Meine Mutter, Jahrgang 1923, war für kurze Zeit Hilfskrankenschwester, wenn auch nicht hinter der Front. Mein Vater, Jahrgang 1912, ist im Februar 1943 an der Ostfront bei Orel schwer verwundet worden. Seine Schilderungen über den Hauptverbandsplatz, das Feldlazarett, wo er mit knapper Not überlebte, während Kameraden neben ihm starben – das ist alles mit dem identisch, was im Film ausgerechnet am Beispiel Orel gezeigt wird. Ich kann auch andere Erlebnisse von ihm wiederentdecken, etwa in einer Szene im ersten Teil: Er war Leutnant, Weihnachten 1942 frisch eingesetzt bei einer stark dezimierten Truppe an der Ostfront. Bis dahin hatte er nur vergleichsweise Harmloses an der Westfront mitgemacht. In seinem ersten und letzten Gefecht im Osten, mitten in einem brennenden Dorf, erwischten seine Leute zwei russische Soldaten. Er befahl, die Gefangenen in einen Keller zu sperren, ordentlich nach der Haager Landkriegsordnung sozusagen. Seine Untergebenen wunderten sich: "Wieso? Denen hauen wir hier gleich auf die Nüschel!"

Nico Hofmann: Sehen Sie, Herr Aly, das ist für mich jetzt interessant: Zuerst nennen Sie den Film einen Schinken – was mich übrigens verletzt –, um dann festzustellen, dass er den Erfahrungen Ihrer Eltern entspricht, von denen Sie sogleich ganz direkt, persönlich und betroffen erzählen...

Aly: ...mit Schinken meinte ich ein Kriegsszenario im Stile von Mutter Courage: "Der Schnee schmilzt weg. / Die Toten ruhn. / Und was noch nicht gestorben ist / Das macht sich auf die Socken nun."

Hofmann: ...Bertolt Brecht wäre für mich eine ehrenvolle Referenz. Wie auch immer, ganz folgenlos kann der Film also nicht an Ihnen vorübergegangen sein. Aber aus genau diesem Grund musste ich den Film gemeinsam mit dem Autor Stefan Kolditz unbedingt machen: Ich will die Diskussionen, er soll die persönlichen Geschichten endlich lostreten.

ZEIT: Aber hat nicht jeder bereits unendlich viele über den Nationalsozialismus gehört, gelesen und gesehen?

Hofmann: Sicherlich, aber bisher dominierte der didaktische Blick auf diese Zeit. Wir haben jahrzehntelang mit einer unglaublichen Schuld-Sühne-Pädagogik gearbeitet. Die unmittelbar persönlichen Erfahrungen und Emotionen der Deutschen aber wurden ausgeblendet.

ZEIT: Der Dreiteiler erzählt auch die Geschichte Ihres Vaters.

Hofmann: Ja, und sie deckt sich fast mit dem, was Götz Aly über seinen Vater erzählt: Mein Vater ist Jahrgang 1924 und hat als Ostfrontsoldat knapp neben einem erschossenen Russen überlebt, hinter den er sich zum Schutz niederkauerte. Was hat diese Generation damals erlebt und gesehen? Darum ging es mir, um einen Blick von unten, also nicht auf Stauffenberg oder Rommel, über die ich schon Filme gemacht habe.