ZEIT: Dennoch kann man sich mit Wehrmachtssoldaten wie Friedhelm und Wilhelm leichter identifizieren, denn die SS-Offiziere sind das entmenschlichte Böse.

Hofmann: Aber Sie gucken doch den Film nicht an und sagen danach, nur die Waffen-SS war schuld! In der Friedhelm-Figur von Tom Schilling entsteht die Gewalt; er tritt als normaler Soldat in dieselben amoralischen Abgründe.

ZEIT: Der Zuschauer lernt in diesem Film, die Mütter und Väter Ihrer Generation zu verstehen. Ist Ihr Anliegen, eine Versöhnung zu stiften?

Hofmann: Ich wüsste nicht, was da zu versöhnen wäre. Mir geht es um das Aufbrechen dieser Gefühle und den Versuch, diese Zeit auch empathisch zu diskutieren. Vielleicht kann in einem Dialog zwischen den Generationen über diesen Film Versöhnung liegen.

Aly: Die Schrecken, die in diesem Film fiktional geschildert werden, haben sich in ähnlicher Weise hunderttausendfach tatsächlich zugetragen. Mit dieser Last lebten hinterher alle, sowohl die Angegriffenen und die entronnenen Opfer als auch die Angreifer. Der Zweite Weltkrieg endete für sämtliche Überlebenden in einem ungeheuerlichen Massentrauma. Dieses musste nach 1945 eingeeist werden, die politische Form, die für die Vereisung gefunden wurde, hieß bezeichnenderweise Kalter Krieg. Es ging nicht anders: Ohne das Schweigen und Verdrängen wäre ein Neuanfang nicht möglich gewesen.

ZEIT: Das steht aber im Widerspruch zu unserem erlernten bundesrepublikanischen Aufklärungsgebot.

Aly: Als ich vor dreißig Jahren mit den NS-Forschungen anfing, habe ich auch immer gedacht: "Die wollen nicht drüber reden, die schweigen alle! Schändlich!" Heute denke ich mir: Die Deutschen waren schuld an diesem Krieg – sie hatten hinterher keine andere Möglichkeit als zu schweigen. Das ist gewiss die produktive Seite des Films: endlich unerzählte Geschichten erzählbar zu machen. Sehen Sie, natürlich haben meine Lehrer und Onkel, ob einarmig oder einbeinig oder nur noch mit einem Auge, vom Krieg erzählt – allerdings immer nur in Witzen und Anekdoten. Über das Eigentliche – das fortgesetzte Töten und Getötetwerden, das Schreien der Verwundeten, die Torturen im russischen Gefangenenlager –, darüber wurde nicht gesprochen. Als mein Vater schon sehr dement geworden war, bewachte ich seinen unruhigen Mittagsschlaf. Wild und laut delirierte er dabei von Schüssen und brennenden Kindern...

Hofmann: Die ganze Gründung der Bundesrepublik fand unter einer unfassbaren Komplettverdrängung statt. Vereisung, das ist genau das treffende Wort.

ZEIT: Haben Sie den Film Ihren Eltern gezeigt, Herr Hofmann?

Hofmann: Ich habe den Film meinen Eltern gezeigt und auch den noch lebenden Freunden meines Vaters. Da kommt es in meiner Familie jetzt seit drei Wochen zu eruptiven Ausbrüchen, in einem Ausmaß, das ich kaum bändigen kann. Die Episode, in der Wilhelm ein russisches Haus anzünden soll, basiert auf den Erlebnissen eines 89-jährigen Verwandten in Mannheim. Als der nun den Film gesehen hatte, erregte er sich noch einmal so sehr über das Erlebte, dass er völlig nassgeschwitzt war beim Reden und meine Mutter ihn im Bad abtrocknen musste.

ZEIT: Sie beide sind Söhne – kann die Enkelgeneration mit dieser Geschichte noch etwas anfangen?

Aly: Meine jüngste Tochter fragte mich vor Jahren einmal, als sie in der Schule in nationalpädagogischer Weise über den Faschismus belehrt worden war: "Sag mal, und Opa war bei alldem dabei?" Sie bekam das, was sie im Unterricht gelernt hatte, nicht mit ihrem harmlos-freundlichen Großvater zusammen. Zu mir als Historiker kommen immer wieder Leute, die etwas über Ihre Väter und Großväter wissen wollen – sie möchten bestätigt bekommen, dass sich diese in der NS-Zeit aus heutiger Sicht entweder ganz prima oder ganz schlecht verhalten hätten. Mit eindeutigen Antworten kann ich nur selten dienen.

Hofmann: Bei unserem Film haben wir lange gemeinsam mit Heike Hempel vom ZDF überlegt, wie wir das Nachgeborenen-Problem lösen. Die meisten am Set bis hin zu Regisseur Philipp Kadelbach sind zwischen 25 und 35 Jahre alt. Und dann stehen Tom Schilling und Volker Bruch als Friedhelm und Wilhelm da und beschäftigen sich mit dem Leben ihrer Großväter – es ist erstaunlich, wie leicht und überzeugend sie diese Erfahrung spielen.