Deutschland und seine Flaggen, seine Hymnen, seine Nationalfeiertage – ein unendliches Kapitel. Der Streit um die Flagge ist lange schon entschieden, über das liebe (Trink-) Lied der Deutschen von Hoffmann von Fallersleben wird kaum noch gestritten, obwohl wir doch alle, und nicht nur Rainer Brüderle, das Lob der "deutschen Frauen" und des "deutschen Weins" in der streng verpönten zweiten Strophe nach wie vor vermissen.

Nur die Frage des Nationalfeiertages, sie schwelt weiter vor sich hin. Der 3. Oktober bleibt ohne Bild, ohne Ereignis, ein bürokratischer Akt, ein steueramtlicher Stichtag, an dem 1990 die Einheit vollzogen wurde. Bis heute hält sich das Gerücht, das willkürlich gewählte Datum sei ein Geschenk des damaligen Bundesinnenministers Wolfgang Schäuble für seine Schwiegermutter gewesen, die an diesem Tag Geburtstag feiere.

Aber vielleicht ist dieser 3. Oktober genau das Datum, das die Republik verdient: geschichtslos, formal, mit Stempel und Paraphe, ein Datum aus der Umlaufmappe, ganz nach dem Geschmack der regierenden Bürokratie.

Wer jedenfalls die Einigkeit feiern möchte, der stoße auf den 9. November 1989 an, den Tag, an dem in Berlin die Mauer fiel. Wer die Freiheit hochleben lassen will, der gedenke des 17. Juni 1953, als Zigtausende in der DDR auf die Straße gingen, bis die sowjetischen Panzer rollten. Wer das Recht würdigen möchte, der erhebe sein Glas auf den 23. Mai 1949, als in Bonn die Verfassung unterzeichnet und verkündet wurde, das Grundgesetz des freien Deutschlands. Das sind Ereignisse, Bilder, die sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben, das sind Meilensteine, Jahrestage.

Und dann gibt es da noch den 18. März. Den 18. März 1990, an dem die Bürger der DDR zum ersten Mal frei wählen konnten und eine große Mehrheit mit ihrer Wahl indirekt für alle drei Forderungen des Deutschlandlieds stimmte: für Einigkeit und Recht und Freiheit.

Zugleich aber reicht der 18. März weit in die deutsche Geschichte zurück. Da ist der 18. März 1793, als in Mainz der Präsident des ersten frei gewählten Parlaments auf deutschem Boden die erste Republik auf deutschem Boden ausrief, als unter dem Schutz der französischen Revolutionstruppen mutige Bürger am Rhein darangingen, es den Franzosen nachzutun und die Demokratie zu wagen. Und da ist der 18. März 1848, als in Berlin das Volk aufstand, Bürger und Arbeiter, um das verhasste Hohenzollernregime in die Schranken zu weisen. Es gibt keinen historischen Erinnerungstag, der einen solch weiten Bogen in die Vergangenheit schlägt wie der 18. März – allenfalls noch der von Schmerz und Hoffnung gleichermaßen gezeichnete 9. November: 1848, als in Wien das Habsburger Militär Deutschlands Freiheitshelden Robert Blum erschießen ließ, 1918, als in Berlin die Republik ausgerufen wurde, 1938, als überall in Deutschland und dem angeschlossenen Österreich die Synagogen brannten, und eben 1989, als die Mauer fiel.

Dafür, dass der 18. März, wenn nicht zum Nationalfeiertag, so doch zum nationalen Gedenktag erklärt wird, setzt sich schon seit Jahrzehnten die rührige "Aktion 18. März" ein. Die Unterstützer kommen aus allen Teilen der Republik und allen Parteien. Bekannte Namen finden sich darunter, von Martin Walser bis Katrin Göring-Eckardt, von Hermann Otto Solms bis Petra Pau.