Anfang März 2013, das Publikum in der Berliner Philharmonie tobt, es rast, auch die Philharmoniker klopfen wohlwollend an ihre Notenpulte. Und weil er in seiner Bescheidenheit nach der dritten Verbeugung für dieses konzertante Tannhäuser-Vorspiel mal wieder nicht weiß, wohin mit sich, richtet Andris Nelsons, der Dirigent, den Blick an die Saaldecke und macht eine Geste von wegen: Bedankt euch bei dem da oben, ich bin nur der Evangelist, ein kleines Licht. Was so natürlich nicht stimmt, weshalb Solocellist Ludwig Quandt belustigt die Stirn runzelt. Eine musikalische Interpretation wie die eben erklungene, die mit feinstem, witzigstem dialektischem Besteck hantiert und trotzdem naiv bleibt, fast kindlich in ihrer Wagner-Emphase, mag vielleicht nicht ganz mit rechten Dingen zugehen. Ans Metaphysische jedoch, an Götter und Geister sind die Fragen, die hier aktuell im Raum stehen, nicht zu delegieren.

Gesucht wird ein Nachfolger für Simon Rattle, den noch bis 2018 amtierenden Chefdirigenten und künstlerischen Leiter der Berliner Philharmoniker, und jeder, der heute, morgen oder in näherer Zukunft bei Deutschlands erstem Eliteorchester gastiert und die 75 noch nicht überschritten hat, wird als potenzieller Kandidat gehandelt. Auch Nelsons, der 34-jährige Lette mit dem Leuchten im Bubengesicht, gerade Nelsons, vielleicht. Das, sagen die Musiker, hat er selbst in der Hand. Hat er es wirklich?

Gesucht wird außerdem – und das hebt jede bloße Personaldebatte aus den Angeln – eine Antwort auf die Frage, wo sich der Musikbetrieb in Zukunft verorten kann und will: wieder mehr im Ästhetischen, in stilistischen Kernkompetenzen, in "Lufthoheiten" über gewisse Repertoires, weil die einzige Chance der Kunst eben doch die Kunst ist und nicht deren ach so virtuose Vermittlung und Verkaufe? Das könnte eine Lehre aus dem vergangenen Jahrzehnt sein, auch bei den Philharmonikern, die ihre Außendarstellung viel Energie gekostet hat. Oder will sich der Betrieb noch stärker dem Kommerziellen in die Arme werfen, der medialen Verwertung von Produkt und Produkten, weil die öffentlichen Kassen leer sind und nicht einmal hochgetunte Events mehr etwas abwerfen? Oder sieht er seine Zukunft schwerpunktmäßig doch im Pädagogischen, in der Musikerziehung, um das Versagen von Elternhäusern und Schulen zu kompensieren und demnächst nicht vor leeren Sälen zu spielen?

Möglich ist alles. Nur eins sollte es nicht geben: den vielbeinigen Spagat. Weil den nicht einmal der smarte Simon geschafft hat, und er hat viel geschaffen und geschafft: ein exemplarisches Education-Programm, Live-Streaming im Internet (die Digital Concert Hall), Kinofilme, Lunchkonzerte und natürlich die wirtschaftliche Konsolidierung durch Gründung einer Stiftung. Nur die "leichte Mozart-Beethoven-Schubert-Schumann-Brahms-Fremdheit", die Joachim Kaiser 1999 süffisant unterstellte, ist ihm geblieben. Im deutschen Fach hat Rattle nicht reüssiert, und etliche Stimmen sagen, damit habe er die Philharmoniker ihrer Seele beraubt. Einer Seele, die sie unter dem italienischen Anti-Maestro Claudio Abbado, Rattles Vorgänger, noch spürten und unter Gästen wie Andris Nelsons bisweilen zumindest ahnen. Die "Rattle-Band" mag in ihrer Anmutung flexibler geworden sein, offener, freier, pluralistischer, ja heutiger – aber sie ist auch austauschbarer als früher, kühler. Flexibel, offen und frei wollen heute alle sein. Doch in welche Richtung sollte sich das Rad drehen, wenn es vermeintlich zurückgedreht würde? Was heißt Wandel, was Verlust oder gar Verrat?

Die Philharmoniker haben die Wahl, und sie haben sie wirklich. Mit der Rattle-Nachfolge legen sie stellvertretend für die ganze Branche ein Glaubensbekenntnis ab. Ablesbar wäre daran im besten Fall, wie die Last und Lust der Tradition sich zu den Gewinnen und Gefahren des 21. Jahrhunderts verhält – und wie beides einander in Zukunft befruchten kann, nicht schmälern. Das macht die Sache weit über die Klassik hinaus so spannend.

Andris Nelsons trägt ein kleines, goldenes Kreuz um den Hals, mit seiner Geste könnte er also tatsächlich den lieben Gott gemeint haben (schließlich wurde auch der Papst nicht von den Kardinälen gewählt). Oder eben Richard Wagner, was für Nelsons, ohne blasphemisch zu sein, nahezu aufs Gleiche herauskommen dürfte. Mit dem Tannhäuser erlebte der Fünfjährige einst seine Initiation in die Musik, insofern ist diese Programmwahl für ihn sicher hochsymbolisch. Auch dadurch übrigens, dass Mozarts Symphonie Nr. 33 in B-Dur KV 319, die davor erklingt, erstmals von Herbert von Karajan aufgeführt wurde, bei dessen erstem Gastauftritt anno 1938 – wenn das kein Zeichen ist! Karajan leitete die Philharmoniker dinosaurierhafte 34 Jahre lang, von 1956 bis 1989, polierte ihren virilen, energetischen Luxussound, feilte an der Perfektion, etablierte sie als Marke. Ist Andris Nelsons also bereits der heimlich Auserkorene – zumal er seit 2008 hauptberuflich jenes Orchester leitet, mit dem sich Simon Rattle in den Achtzigern in die Umlaufbahn des Klassik-Business schoss, das City of Birmingham Symphony Orchestra? Noch ein Zeichen.

Die Nervosität, mit der der junge Lette diesmal in Berlin agiert, könnte dafürsprechen. Oder dagegen. Nervös ist seit dem 10. Januar, als Rattle seinen Rücktritt bekanntgab, fast jeder. Diejenigen, die in der laufenden Saison noch kommen, sowieso (Paavo Järvi, Mariss Jansons) – und diejenigen, die da waren, rückblickend eigentlich auch (Ingo Metzmacher, Myung-whun Chung, Christian Thielemann, Kirill Petrenko, Riccardo Chailly, Gustavo Dudamel, Manfred Honeck). Fehlen noch Namen wie Esa-Pekka Salonen, Yannick Nézet-Séguin oder Pablo Heras-Casado, und man hätte sie alle beisammen. Es müsste schon mit dem Teufel zugehen (oder mit dem Krokodil), wenn sich darunter der Neue nicht fände.

Alles Humbug, sagt Peter Riegelbauer, Kontrabassist und Orchestervorstand, auf dem Weg nach Baden-Baden, wo die Philharmoniker am Wochenende mit Mozarts Zauberflöte die eigens für sie neu gegründeten Osterfestspiele eröffnen. Der Bruch mit Salzburg (ihre österliche Residenz seit 1964, von Karajan erfunden), die Diskussion um aberwitzig hohe Kartenpreise und die soziale Verträglichkeit der Hochkultur, das hatte 2011/12 viel Staub aufgewirbelt. Inzwischen ist die Empörung abgeklungen, der Intendant der Philharmoniker, Martin Hoffmann, nennt Baden-Baden sibyllinisch ein "Abenteuer", und die Musiker schicken sich drein. In Baden-Baden, heißt es, würden sie erstmals über die Zeit nach Rattle beraten. So formuliert Riegelbauer das natürlich nicht, er spricht vage von "bald", lässt den Ort weg und tritt auch sonst auf die Bremse: Eine erste Orchesterversammlung könne bestenfalls das Prozedere klären und einen "Fahrplan" aufstellen: "Dann wird man diese Klappe erst einmal wieder schließen, um sehr viel später in die inhaltliche Diskussion einzutreten."

Das Kandidatenkarussell ist bestückt

An einen Phönix aus der Asche freilich glaube er nicht, gibt Riegelbauer dann doch zu: "Wir haben viel Zeit, um wenig neue Erkenntnisse zu sammeln." Das Kandidatenkarussell, siehe oben, ist bestückt, Unbekannte finden sich keine darunter. Das spricht eher für eine rasche Entscheidung – wieso sollte man sich zwei, drei Jahre lang ausmären, wenn es nicht nottut? Viel gravierender ist die Frage, ob die Bewerber eine Richtungsentscheidung überhaupt zulassen. Weltstars der Szene wie Seiji Ozawa, Bernard Haitink, Zubin Mehta, Lorin Maazel, Daniel Barenboim oder Riccardo Muti, die alle für etwas stehen (man mag es mögen oder nicht), sind 2018 schlicht zu alt, um in die engere Wahl zu kommen. Abgesehen von Christian Thielemann, heute 53, sieht es im Mittelfeld der Generationen erschreckend mau aus, und die vielen Jungen, Anfang bis Mitte 30-Jährigen, die international an die Pulte drängen, sind meist so ideologiefrei groß geworden, politisch wie künstlerisch, dass es fast schwerfällt, sie jenseits des Musikantischen auseinanderzuhalten.

Keiner, der die rhetorischen Früchte der historischen Aufführungspraxis nicht längst in seine Klangvorstellung eingebaut hätte; keiner, den Neue Musik noch das Fürchten lehrte; kaum einer, der sich nicht archäologisch betätigte oder entwicklungshelferisch engagierte. Alle können alles? So gesehen, müssten die Philharmoniker nur nach Persönlichkeit und Chemie gehen und hätten das Schaf im Trockenen. Der Venezolaner Gustavo Dudamel beispielsweise, 32 und seit 2009 Chef beim hippen Los Angeles Philharmonic Orchestra, brächte nicht nur den vertrauten Wuschelkopf mit, um in Rattles Fußstapfen zu treten, sondern auch die perfekte Biografie: Als Galionsfigur der ruhmreichen venezolanischen "Sistema"-Bewegung, die Kinder mit Instrumenten von der Straße lockt, verfügt er einerseits über genügend Bodenhaftung und rückte andererseits einen Kontinent ins Gesichtsfeld des anämischen alten Europas, von dem man sich neue Lebenskräfte und Impulse versprechen würde. Auch Papst Franziskus stammt schließlich aus Südamerika.

Erst kommen die Ideen, dann kommt das Personal, lautet die philharmonische Regel seit der Wahl Claudio Abbados 1989 (der ersten überhaupt in der Geschichte des Orchesters, entgegen anderslautenden Legenden). Eine Regel, die die Unabhängigkeit und das Elitebewusstsein sichert. Die Philharmoniker praktizieren, wovon Politik, Wirtschaft, Sport und Kirche träumen: strikte Basisdemokratie, maximale Teilhabe. 128 Musiker, 128 Stimmen und unter Umständen 128 Meinungen. Doch woher kommen die Ideen, wenn nicht von den Menschen, und welche Kriterien sollte der Zukünftige unbedingt erfüllen? Begabung, Handwerk, Autorität, Intelligenz, Integrität, Fleiß, Humor, Charisma und ein gewisses Showtalent spielen sicher eine Rolle, am liebsten von allem etwas und in sympathischer, öffentlichkeitswirksamer Mischung. So weit die Utopie.

In der Realität geht es prosaischer zu. Hier dürfte, wenn die Musik und die Chemie denn stimmen, das Alter in Kombination mit der Verweildauer im Amt den Ausschlag geben. Karajan war 48, als er antrat, und hatte einen Vertrag auf Lebenszeit; Abbado war 56 und brach diesen, indem er nach 13 Jahren kündigte, ein historischer Einschnitt; Rattle schließlich kam mit 44 und wird insgesamt 16 Jahre in Berlin verbracht haben, keine kleine Zeit. Die Tendenz, sich mit immer jüngeren Chefdirigenten um ein möglichst junges Image nicht weiter sorgen zu müssen, ist das eine. Die Tendenz, diese Jungen für immer kürzere Perioden anzuheuern (damit sie jung bleiben), ist das andere, ungleich Problematischere. Rattles Nachfolger, sagt Martin Hoffmann, wird einen Acht-, maximal Zehnjahresvertrag unterzeichnen, von lebenslangen Ehen hält niemand in der Branche mehr etwas. Das freilich bedeutet, dass das Höchstalter in Spitzenpositionen wie dieser zukünftig kaum mehr als 50 Jahre beträgt. Was für eine Absurdität – und was für ein Aderlass: Die Musiker kommen nur noch punktuell, gastweise in den Genuss reifer, autonomer Persönlichkeiten, die sich nach keiner Decke mehr strecken, nichts mehr "machen" müssen; und die Dirigenten werden kurzerhand um ihre Lebenserträge gebracht, um das selbstverständliche, vertraute Gestaltenkönnen bis zum Schluss. Kein Karajan mehr, der hinter geschlossenen Lidern alles sah; kein Sergiu Celibidache, der wie Buddha vor den Münchner Philharmonikern thronte; keine großen Alten (nach denen die Gesellschaft sich doch so sehnt!), die Töne nicht mit Taktstöcken lenken, sondern mit Aura, mit der Kraft ihrer Gedanken und Gefühle.

Kann die Branche sich das leisten? Hechelt sie nicht einem Zeitgeist hinterher, den der Rest der Welt längst durchschaut hat? Typisch wär’s: für das latent schlechte Gewissen der Hochkultur gegenüber allen, die nicht an ihr teilhaben – und für die Ratlosigkeit des Musikbetriebs und seiner Manager, die glauben, dass die Symphonien eines Beethoven oder Schostakowitsch, die Tondichtungen eines Liszt oder Richard Strauss einen riesigen Erklärungs- und Legitimationsbedarf haben und gar nie einfach für sich selbst sprechen.

Letztlich aber ist Musik nur "tönende Luft", und wohin immer sich das Zünglein an der philharmonischen Waage neigen wird – fürs Irrationale, Borstige, Verrückte bleibt allemal genug Raum. Zwei Wahlgänge soll es geben, einen schriftlichen, einen mündlichen, wie gehabt, und ob man an der einfachen Mehrheit festhält, wird diskutiert. Christian Thielemann wäre eine solch borstige Lösung. Mit ihm würden die Philharmoniker polarisieren, ja einen echten Kontrapunkt in die Zukunft hinein setzen, den einzigen, wie es aussieht, weit und breit: weil der Berliner für all das steht, was gegen die galoppierende Globalisierung der Musik spricht. Allerdings ist er erst im Januar 2015 wieder in der Philharmonie zu erleben, und ob er nicht nur ein guter Chefdirigent wäre, sondern auch ein künstlerischer Leiter mit Visionen, sei dahingestellt. Aufgabenbeschreibungen lassen sich ändern. Andris Nelsons hingegen taucht schon im Herbst wieder auf und nächste Woche bei den Osterfestspielen in Baden-Baden. Noch scheint ihm ein wenig die Härte zu fehlen, die man als Chefdirigent eines Weltklasse-Orchesters auch braucht, und vielleicht sollte man sie ihm gar nicht wünschen. Beide Male aber steht Johannes Brahms auf dem Programm, das Violinkonzert und die vierte Symphonie, absolutes Kernrepertoire. Die Philharmoniker wollen es offenbar wirklich wissen.