Nicht links, nicht rechts – nur national – Seite 1

Ende Dezember traf sich ein kleines Häuflein rechter Aktivisten zum abendlichen Fotoshooting am Brandenburger Tor. Die wehenden Fahnen vor dem deutschen Nationalsymbol schufen die gewünschte Melodramatik. Ungewohnt war nur das Zeichen auf den Fahnen: der griechische Buchstabe Lambda, das Emblem der Identitären Bewegung. Dieser schwarze Winkel auf gelbem Grund ist eine Anleihe bei der Antike; damals soll das Zeichen die Schilde der Spartaner geziert haben. Popularisiert wurde das Symbol durch die Comicverfilmung 300, in der eine kleine Schar spartanischer Übermenschen am Thermopylen-Pass die Invasion einer ausländischen Multikulti-Streitmacht abwehrt – und so vermeintlich das Entstehen der abendländischen Kultur gerettet hat.

Vom blutigen Hollywood-Sandalenfilm fand das Lambda schließlich den Weg ins Zentrum rechter Symbolpolitik. Denn geht es nach den Identitären, soll es bald europaweit Verwendung finden, wenn die versammelte Rechte zur "Reconquista" gegen die Einwanderer antritt. Von Frankreich ausgehend, soll sich unter diesem Schlagwort eine Bewegung gegen kulturelle "Fremdeinflüsse" formieren, getragen von einer jungen Génération Identitaire. Doch davon, "bekannter zu werden als Coca-Cola", ist diese Bewegung noch weit entfernt. In Deutschland bleibt das Echo bislang eher virtuell; der Bloc Identitaire, die neue Aktionsfront zur Verteidigung der europäischen Kultur gegen die "Invasion" von Einwanderern und Muslimen, geistert vor allem durch rechte Blogs. Außerhalb des Cyberspace ist es um die Sichtbarkeit hierzulande schlecht bestellt. Einstweilen werden "Likes" auf Facebook gesammelt. In anderen Ländern hingegen sind die Identitären zumindest schon aus dem Internet herausgetreten. In Frankreich sah man ihr Symbol auf den Fahnen jener Aktivisten, die im Oktober 2012 in Poitiers das Dach einer Moschee besetzten. In Österreich versuchten Identitäre unter demselben Zeichen, eine Kirchenbesetzung durch Flüchtlinge mittels Gegenbesetzung zu beenden. "Thermopylen in Wien", verkündeten sie auf Facebook. Zudem versuchen die Identitären, Formen der linken Protestkultur ("reclaim the streets") zu kopieren: Flashmobs, Soundsysteme und andere popkulturelle Anleihen, hier jedoch vor allem produziert für die Selbstdarstellung auf YouTube.

Programm und Struktur der Identitären sind bewusst vage gehalten. Sie treffen sich, wenn überhaupt, in losen Ortsgruppen. Als Ziel wird "eine kulturell-geistige Revolution" verkündet, die "Werte wie Tradition, Heimat, Familie, Kultur, Volk, Staat, Ordnung oder Schönheit u.v.m. wieder zu positiven, erstrebenswerten Begriffen" macht. Ihre "Kriegserklärung" gilt den Achtundsechzigern, die diese Werte angeblich entwertet und das Abendland in den Untergang getrieben haben. Doch die Anklage gegen die Elterngeneration gerät dabei reichlich pathetisch: "Wir sind die Bewegung, deren Generation für einen falschen Blick, weil sie jemandem eine Zigarette verweigert oder eine andere Art sich zu kleiden hat, getötet wird." Die Rhetorik der absoluten Dringlichkeit wird mit unbedingter Entschlossenheit bekräftigt: "Jeden Identitären drängt es zur Tat." So soll Identität zum Rettungsanker einer durch die Globalisierung verunsicherten Generation werden.

Eine Kulturrevolution gegen die "Dekadenz des Liberalismus"

Angesichts altbekannter Parolen verwundert allerdings die Behauptung, man habe mit der extremen Rechten nichts gemein. Tatsächlich ist die Identitäre Bewegung leicht als ein gezielter Import dieser Kreise zu erkennen: Im letzten Herbst fuhren Aktivisten aus dem Umfeld der Rechtsaußen-Postille Junge Freiheit und des Instituts für Staatspolitik – einer Denkfabrik der Neuen Rechten – auf ein Treffen des Bloc Identitaire in Orange. Anschließend trommelten sie für die französische Gegenrevolution; zeitgleich gründeten sich erste identitäre Ortsgruppen. Anfang März wurden die Identitären Titelthema der Jungen Freiheit und zur "Revolte von rechts" stilisiert. Schützenhilfe kommt wohl auch aus Österreich, wo die Identitären im Dunstkreis der FPÖ agieren.

Die Identitären lassen sich mühelos in einer Familienaufstellung "von rechts" unterbringen. Schon der Schlachtruf "Identität" ist nicht neu. Vor allem in Frankreich ist er als rechter Topos eingeführt. Die französische Variante des Rechtsrock nennt sich zum Beispiel rock identitaire français. Seit der Nouvelle Droite, die sich in den siebziger Jahren anschickte, die europäische Rechte zu einer Kulturrevolution gegen die "Dekadenz" des Liberalismus zu führen, spielte der Begriff eine zentrale Rolle. Einer ihrer führenden Intellektuellen, Guillaume Faye, schrieb schon vor Jahren von einer "Identitären Bewegung".

Die Identitären in Deutschland sammeln sich irgendwo im Niemandsland rechts von der CDU

Mit der Parole "0Prozent rassistisch, aber 100Prozent identitär" bekennen sich die Identitären zum "Ethnopluralismus", bekanntlich der ideologische Kern der Nouvelle Droite. Dabei handelt es sich um ein Konzept, das jedem "Volk" seinen "Raum" zuordnet: Frankreich den Franzosen, die Türkei den Türken, Deutschland den Deutschen... Nach außen als herdersches Völkerpanorama kaschiert, zielt es nur auf eines: auf die ethnische Homogenisierung des geografischen Raumes. Innerhalb der neofaschistischen Ideologiebildung löste der "Ethnopluralismus" den klassischen Rassismus ab; einer seiner Hauptvertreter ist der Franzose Alain de Benoist (auch er ein Stammautor der Jungen Freiheit).

"Eine Meise, die ihr Revier verteidigt, ist auch nicht meisenfeindlich"

Von Anfang an versuchten neonazistische Kameradschaften, bei den Identitären ins Boot zu kommen, auch die NPD rief eine identitäre Kampagne aus: "Werde, wer Du bist." Die Fachzeitschrift Der Rechte Rand schätzt, dass sich die Identitären in Deutschland kaum außerhalb der Szene etablieren werden, da "etliche ihrer Themen schon durch die extreme Rechte besetzt sind". Zu diesem Ergebnis kam auch eine Recherche von Radio Bremen. Dem Sender zufolge bieten die Identitären eine neue Heimat für alte NPD-Anhänger, auch der Verfassungsschutz bestätigte deren Präsenz.

Angesichts dieser Verbindungen klingt es wenig glaubwürdig, wenn sich die Identitären vom rechten Lager distanzieren. Die ausgegebene Parole "Nicht links, nicht rechts, identitär!" hat keinerlei Beweiskraft. Mit der Behauptung, weder links noch rechts, sondern vor allem national zu sein, ging schon Jean-Marie Le Pen auf Wählerfang. In der Fachwelt erntet eine solche Rhetorik ohnehin nur Schulterzucken; spätestens seit den verdienstvollen Arbeiten des israelischen Historikers Zeev Sternhell hat sie ihre Zauberkraft verloren. Sein kritisches Standardwerk über den französischen Faschismus führt die Phrase bereits im Titel: Ni droite, ni gauche ("Nicht rechts, nicht links").

Mit anderen Worten: Die Identitären in Deutschland sammeln sich irgendwo im Niemandsland rechts von der CDU. Von der Domestizierung des bürgerlichen Konservatismus frustriert, sehnen sie sich nach einer Konservativen Revolution, die endlich den Geist von Achtundsechzig überwindet. Ohne Aussicht auf eine erfolgreiche eigene Partei setzen die Identitären auf Metapolitik und außerparlamentarische Opposition. Die Übernahme von Formen aus der Popkultur soll dem Ganzen dabei einen jugendlichen Anstrich verleihen und den Traditionsdiskurs um so etwas Nebulöses wie "Heimat" wieder attraktiv machen.

In den vielfachen Beteuerungen der Identitären, nicht rassistisch zu sein, ist ein Satz allerdings besonders verräterisch: "Eine Kohlmeise, die ihr Revier verteidigt, ist auch nicht kohlmeisenfeindlich!" Deutlicher als mit dem Wunsch, zum Clan-Territorium zurückzukehren und es instinktgesteuert verteidigen zu können, lässt sich die europäische Tradition der Aufklärung kaum verneinen.