Dietmar Dath, der 2009 noch mit dem Science-Fiction-Roman Die Abschaffung der Arten auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand, publizierte letztes Jahr allein sechs Bücher, allen voran den gemeinsam mit Barbara Kirchner verfassten Manifestwälzer Der Implex (880 Seiten). Doch die medialen Reaktionen waren spärlich, als kämen die Rezensenten angesichts der Veröffentlichungsmenge nicht mehr hinterher. Es ist wohl dem Überangebot an Dath-Material geschuldet, dass sein neuer Roman Pulsarnacht, der bereits im Dezember in der Science-Fiction-Reihe des Heyne Verlags erschien, bisher ziemlich unbemerkt geblieben ist. Gibt es für Daths dialektische, mit Neomarxismen angereicherte Poetik einfach gerade keine Nachfrage? Kurssturz?

Antwort: ja – aber vielleicht ungerechtfertigterweise. Pulsarnacht hätte es verdient, mehr Aufmerksamkeit zu bekommen, denn der Autor legt mit diesem Buch einen angenehm abseitigen Zukunftsroman vor, der Technikfantasien und alternativen kosmischen Gesellschaftsmodellen nur so strotzt.

Die Geschichte ist zunächst schwer zu fassen: Gleich zu Beginn wird man mit der Wucht einer Enzyklopädie in eine fertige Welt gestellt, deren Zusammenhänge sich erst im weiteren Verlauf des Romans aufklären. Bricht man es auf Kurzform herunter, handelt Pulsarnacht von einem Königsdrama um die Herrscherin Shavali Castanon, die einen auf interstellare Größe angewachsenen Superstaat regiert, der durch seine zahlreichen technischen Entwicklungen den Weltraum dominiert und befriedet. Ihre Macht wird jedoch durch die Gerüchte um einen möglichen Weltuntergang in Gestalt einer "Pulsarnacht" infrage gestellt sowie durch drei verbannte Revolutionäre, alte Gegner von Castanons Stabilitätspolitik, die nach ihrem gescheiterten Freiheitskampf ihre späten Jahre auf einem entfernten Planeten überwiegend bei Teegesprächen und Naturbeobachtungen verbringen.

Dath argumentiert für und gegen beide politische Lager auf der Suche nach etwas Drittem. Mit den Worten des Experimentalbiologen Max Delbrück könnte man dieses Dritte, das den Autor umtreibt, am besten noch als principle of limited sloppiness bezeichnen, als Prinzip der begrenzten Schlampigkeit. Was bei Delbrück die Maxime für eine innovative Forschung war, wird in Daths Roman zu einem politischen Fortschrittsprogramm, das Sicherheit und anarchisches Handeln verbinden soll.

Das Faszinierende des Romans ist das reichhaltige Beiwerk, sind seine vielen Kilokalorien an Welterfindung. Planetengroße Wesen, autonom lebende Körperteile, wahrnehmungssteigernde Nackenimplantate, echsenartige Kapitalisten und quallenartige Algorithmenmonster – selten liest man von derartig ausstaffierten und naturwissenschaftlich versponnenen Fantasieräumen, die in ihren besten Momenten an die frühe Science-Fiction der Aufklärung und ihr Ideal erinnern, gesellschaftliche Veränderung und technologischen Fortschritt zusammenzudenken. Dath gelingt Ähnliches, etwa wenn er von Dyson-Sphären als zukünftigen Kraftwerken spricht oder von futuristischen Großstädten mit Möbiusstraßen. Es sind in die Wirklichkeit gebrachte physikalische Fiktionen, die das gesellschaftliche Leben in Pulsarnacht verbessert haben, sei es in der Energiepolitik oder im urbanen Zusammenleben. So gesehen ist Daths Roman eine transgalaktische Lehrstunde, die – entgegen dem derzeitigen Trend zur apokalyptischen Prophetie über Algorithmen und autonome Automaten – vom Segen der Technologie berichtet und von ihrer Fähigkeit zur möglichen Umwälzung der Verhältnisse.