Hat Gary Kovacs das heilige Buch seiner Firma gelesen? Kennt er die Prophezeiungen, die dort niedergeschrieben wurden? Stellen wir ihn auf die Probe: "Der Mammon schlief. Und das wiedergeborene Tier breitete sich über die Erde aus und wuchs zu Heerscharen heran. Und sie verkündeten..."

Ja, was genau verkünden die Heerscharen, Gary Kovacs?

"Hm." Kurze Pause. "Vielleicht, dass alle freien Zugang zum Internet haben?"

Falsche Antwort. Richtig wäre gewesen: "Und sie verkündeten die Zeiten und opferten die Ernte dem Feuer, listig wie Füchse. Und sie bauten eine neue Welt nach ihrem eigenen Bild, wie von den heiligen Worten versprochen."

Wiedergeburt, Feuer, neue Welt. So steht es geschrieben im Buch Mozilla, Vers 11:9. Doch das ist pseudoreligiöses Geschwätz. Ein echtes Buch gibt es gar nicht, bloß eine Handvoll ähnlich klingender Verse. Den vom wiedergeborenen Tier und den Heerscharen kann jeder nachlesen, der einen Computer besitzt. Er muss lediglich den Internetbrowser Firefox öffnen und in dessen Adressfeld "about:mozilla" eingeben. Dann erscheint die Prophezeiung. In weißer Schrift, auf rotem Grund.

Und damit beginnt die Geschichte.

"Je näher man dem Programm kommt, desto mehr ähnelt es einer Religion"

Gary Kovacs, ein Mann, der sein Alter verschweigt und nur seufzt, er sei "in den späten Vierzigern", ist Chef der Mozilla Corporation aus Mountain View im kalifornischen Silicon Valley. Mozillas bekanntestes Produkt ist der Browser Firefox, mit dem sich Millionen Menschen im Internet bewegen. Das Buch Mozilla ist ein Glaubensbekenntnis seiner Schöpfer: Anhänger der Open-Source-Bewegung, die Software als ein gemeinschaftliches Gut betrachten und das Internet nicht als eine Ressource, die es finanziell auszubeuten gelte. Die Programmierer von Firefox haben die Verse schon in den Anfangsjahren der Bewegung tief in den Softwarecodes ihrer Browser verankert und gelegentlich aktualisiert. Die Prophezeiung von den Heerscharen dürfte um die fünf Jahre alt sein. Wohl deswegen kennt Kovacs sie nicht: Er ist erst seit 2010 dabei. Vielleicht hat es ihn auch nie so richtig interessiert, weil er ganz anders tickt.

"Das klingt alles sehr biblisch", sagt Kovacs, und für einen kurzen Moment wirkt der 1,90-Meter-Mann irritiert. Er fühlt sich unwohl, weiß nicht einzuschätzen, welche Richtung das Gespräch nehmen wird und was seine Rolle darin sein soll. Auf der Computermesse Cebit, wo er noch Stunden zuvor aufgetreten ist, haben sie ihm andere Fragen gestellt.

Erleichtert, dass der kleine Test vorüber ist, fängt sich Kovacs, nimmt die Gedanken aus dem Buch Mozilla auf und entwickelt sie weiter. "Heute würden wir das einfacher formulieren", sagt er. "Es würde darum gehen, dass der Nutzer im Mittelpunkt steht und dass es unser Job ist, jedermann freien und gleichen Zugang zum Internet zu ermöglichen. Das ist die Mission von Mozilla."

Kovacs sagt das so sachlich und nüchtern, dass ihn in diesem Moment nichts von einem x-beliebigen Konzernchef unterscheidet. Immerhin: Eine Mission gibt es wirklich, sogar ein Manifest, das ganze offizielle Unternehmens-Tamtam. Das Buch Mozilla ist eher ein Spaß. In älteren Prophezeiungen wird sogar zum Kampf gegen "Ungläubige" aufgerufen, deren Häuser "dem Erdboden gleichgemacht" werden sollten. Solche Worte würde man heute eher aus dem afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet erwarten als aus dem kalifornischen Silicon Valley. Aber wer sich nur ein wenig mit dem Seelenleben der Open-Source-Bewegung befasst, merkt schnell, dass es sich bei den Versen nicht um den Aufruf zum Dschihad handelt, sondern um liebevolle Anspielungen und die spielerische Ironie einer Gemeinde von Menschen, die im Internet einen bedrohten Lebensraum sehen. Die Software wie ihren Browser gemeinsam entwickeln. Kovacs nennt sie "Mozillians".

"Alle Menschen rund um Firefox sind Mozillians", sagt Kovacs. "Ob sie Nutzer oder Entwickler sind, als Angestellte oder ehrenamtlich arbeiten. Sie teilen dieselben Werte: Flexibilität, Offenheit, Wahlfreiheit, Sicherheit und Privatheit." Pseudoreligiöse Anwandlungen kämen durchaus vor, ergänzt Kovacs, er selbst wirkt da allerdings völlig ungefährdet. "Mozillians sind sehr leidenschaftlich. Je näher man dem Programm kommt, desto mehr ähnelt es einer Religion."