Für Anderson und Ray ist Anchals Fall symbolkräftig. Die beiden Forscher kalkulieren, dass in Indien insgesamt 35 Millionen Frauen fehlen. In jedem Jahr sterben zwei Millionen Frauen mehr als Männer. Zwei Millionen, die eigentlich leben müssten, wenn es normal zuginge. Und ein Viertel davon, also eine halbe Million, stirbt bereits in der Kindheit – so wie Anchal.

Bereits vor über zwanzig Jahren hatte sich der indische Wirtschaftsnobelpreisträger Amartya Sen auf die Suche nach den – wie er sie nannte – "fehlenden Frauen" gemacht. Sen hatte damals die Bevölkerungszahlen von Frauen und Männern in Industrie- und Entwicklungsländern verglichen. Gemessen an dem als normal vorausgesetzten Geschlechterverhältnis in den reichen Ländern, fehlten im Jahr 1990 in den armen Ländern weltweit über hundert Millionen Frauen, errechnete Sen. Für ihren Tod machte er "eine schreckliche Geschichte von Ungleichheit und Missachtung" verantwortlich.

Die indische Regierung verschleiert den dramatischen Tod von Millionen Frauen bis heute, indem sie nur von einem Geschlechterverhältnis von 940 Frauen zu 1.000 Männern spricht. Ebenso tut es der Bericht über die menschliche Entwicklung der Vereinten Nationen. Er besagt zwar, dass Indien, was die Gleichheit der Geschlechter betrifft, an 132. Stelle von 142 Nationen steht. Doch die tatsächlichen Opferzahlen nennt auch er nicht.

Sen war damals einsamer Pionier seines Fachs. "Frauenfragen stellen sich für Ökonomen traditionell im Arbeitsrecht: zum Beispiel beim ungleichen Lohn. Weibliche Sterbequoten sind kein Thema, dem Ökonomen wirklich Aufmerksamkeit geschenkt haben", sagt Ray. Er und Anderson nahmen Sens Idee auf und können nun bahnbrechende und zugleich erschütternde neue Erkenntnisse präsentieren: Sie errechneten, wie viele Frauen in einem Jahr verloren gehen, unterteilten die vermissten Frauen in Altersgruppen und kamen dadurch der Identität der Opfer und den Ursachen für den millionenfachen Tod viel besser auf die Spur, als Sen es gekonnt hat.

"Mathematisch war das nicht so schwer. Es hatte sich nur niemand die Mühe gemacht, Sens große Verlustmeldung aufzuschlüsseln und ein präzises Berechnungsmodell für den Computer zu entwickeln", sagt Anderson. Dabei betont sie wie Ray, dass nicht jede fehlende Frau ein Opfer von Diskriminierung sein muss. In den Statistiken der beiden Forscher werden genetische Krankheiten, die nur Frauen betreffen, ebenso berücksichtigt wie die Gefahren der Schwangerschaft. Doch prozentual erweisen sich diese Risiken als gering.

Im Herbst 2010 veröffentliche das Londoner Fachblatt Review of Economic Studies die neuesten Berechnungsmodelle. Wenig später verfasste die Weltbank auf Basis der neuen Methoden von Anderson und Ray ihren Jahresbericht 2012 zum Thema Geschlechtergleichheit und Entwicklung. Für die Bank steht seither außer Frage, dass es weltweit "erste Priorität" aller Frauenpolitik sein müsse, die "überhöhte Sterberate von Mädchen und Frauen zu reduzieren". Denn die Grundregel der Gender-Ökonomie ist eigentlich eine Binsenweisheit: Ohne die Gleichstellung der Frau kommt niemand voran – keine Familie, kein Dorf, kein Land. "Die Geschlechtergleichheit ist ein alleinstehendes Entwicklungsziel, und sie ist ein kluges wirtschaftliches Kalkül", lautet die Kernthese des Weltbankberichts. Etliche Studien zeigen, dass dort, wo Frauen mehr zum Sozialprodukt beitragen, Wachstum und Wohlstand schneller und sozial ausgeglichener gedeihen. Ray sagt: "Wenn sich die weibliche Hälfte der Bevölkerung ständig ums Überleben und Diskriminierung sorgen muss, schlägt das negativ auf das ökonomische Potenzial einer Gesellschaft zurück. Frauen sind die Hälfte des Fortschritts."

Doch meist bleibt diese Erkenntnis vage. Auch der Weltbankbericht kommt über Allgemeinheiten nicht hinaus. Denn niemand nennt die Opfer. Wer aber sind die fehlenden Mädchen und Frauen wirklich? Sind sie nur die Ärmsten der Armen, und sind sie alle jung wie die kleine Anchal?

Im seiner Heimat im indischen Dschungel erinnert sich NGO-Arbeiter Yadav an den tödlichen Diskriminierungsfall einer verheirateten Frau und lenkt den Jeep in das Dorf Nagmar, um den Zementmaschinenarbeiter Indlal Kol zu treffen. Schwitzend, die Hände und Füße zementverschmiert, steht Kol, 29, eine halbe Stunde später vor seiner Lehmhütte. Über ihm spendet ein alter Neembaum Schatten, dessen Blätter er zum Zähneputzen benutzt. Von seinem Arbeitsplatz ist Kol den langen Weg hierhergelaufen und hofft nun, von Yadav mehr über die Todesumstände seiner Frau Asha Kol zu erfahren, die mit 25 Jahren bei der Geburt ihres zweiten Kindes verblutet ist.

Kol holt ein kleines Passfoto seiner Frau und ihre letzten Habseligkeiten hervor: Saris und etwas Schmuck. Er sagt, er könne seit ihrem Tod nicht mehr in ihrer gemeinsamen Hütte schlafen, weil er sonst die ganze Zeit an sie denken müsse. Ihr neugeborenes Mädchen starb zwei Wochen nach der Geburt. "Wir hatten keine Muttermilch, nur Kuhmilch. Deshalb ist sie gestorben", entschuldigt sich Kol für den Tod seiner Tochter. Das Baby wäre auch gestorben, wenn es ein Junge gewesen wäre. Sein Tod geht deshalb nicht in die Statistik der fehlenden Frauen ein. Doch Asha Kols Tod sehr wohl. Yadav kannte sie gut.

Asha stammte aus einer armen Familie mit sieben Töchtern und einem Sohn. Alles drehte sich in der Familie um den einen Bruder. Nie gab es genug für alle zu essen. Leidtragende aber waren immer die Frauen und Mädchen. Sie blieben ihr Leben lang unterernährt und schwach. Yadav wusste deshalb, dass Asha wie viele Frauen im Dschungel an Blutarmut litt. Letztere ist eine Folge der Unterernährung, und für Frauen wie Asha sind Blutungen bei der Geburt oft lebensgefährlich. Yadav hatte Ashas Arzt auf die Gefahr hingewiesen. Doch als dieser entschied, Asha für eine Bluttransfusion ins größere Kreiskrankenhaus der Stadt Rewa bringen zu lassen, war es schon zu spät. Sie starb noch auf der staubigen Matratze in einem Zimmer des primitiv ausgerüsteten Dorfkrankenhauses.