Mit der Kraft des Windes – Seite 1

Sollten sich die Vereinigten Staaten jemals zu einer Energiewende durchringen – sie könnte am Fuße der Rocky Mountains ihren Anfang nehmen. Am Schulhof der Ponderosa Highschool beispielsweise, rund zwanzig Meilen südöstlich von Denver, Colorado. Da hat die Energiewende sogar schon einen Namen: "Kiwidinok" tauften die Jugendlichen ihr Windrad, in der Sprache der Kiowa-Indianer umschreibt das die Kraft des Windes. Aus der Ferne sieht der Eigenbau zwar wie eine dieser Papierwindmühlen aus, die auch deutsche Vorgärten zieren. Aber Kiwi, wie die Schüler sie rufen, liefert mit ihren kurzen Flügeln in gut zehn Metern Höhe tatsächlich Strom. Er treibt die Schulcomputer an, die in bunten Kurven die Energieausbeute dokumentieren.

Rund 100 solcher Räder drehen sich mittlerweile in rund einem Dutzend US-Bundesstaaten. Die Initiative Wind for Schools wurde vor einigen Jahren hier in Colorado erdacht. Charles Newcomb vom National Renewable Energy Laboratory (NREL) in Denver, dem grünen Forschungszentrum der USA, erinnert sich. Mit einem Kollegen habe er am Wochenende beim Angeln gegrübelt, wie den Amerikanern die Idee grüner Energie vermittelt werden könne, sagt er. Doch reden allein würde nicht reichen, schon gar nicht bei den Erwachsenen. Seit den Stunden am Fluss sei er davon überzeugt. Man müsse vielmehr bei den Schülern beginnen, sagt Newcomb, "und die werden dann die Eltern mitziehen."

Betreut von örtlichen Universitäten und dem NREL und finanziert von Kommunen, werden seitdem Schulen auf dem Weg zu sauberer Energie unterstützt. Wobei dies auf jeden Fall ein schmutziger Job sein solle, meint Newcomb. "Die Schüler graben das Loch, der Beton kommt für das Fundament, jeder macht mit, und am Ende haben alle Dreck an den Händen", sagt er und stellt die entscheidende Frage: "Wie schaffen wir es, dass Kinder nicht Polizist oder Feuerwehrmann werden wollen, sondern Umweltschützer, Biologen oder Banker – aber Banker, die in erneuerbare Energien investieren?"

Natalie Walter will zwar keine Bankerin werden, aber eine grüne Ader hat die 18-Jährige schon. Die ehemalige Schülerin der Ponderosa Highschool hat das Projekt Kiwidinok mit vorangetrieben und genau das beobachtet, was sich die beiden NREL-Mitarbeiter erhofft hatten: In einer Gegend mit sprudelnden Erdgasquellen sprachen Eltern und Schüler auf einmal über grünen Strom und Energiesparen. "In der Schule liegt der Schwerpunkt meist auf der Theorie, die später angewendet werden soll", sagt Walter. "Aber erst etwas schaffen und dann darüber nachdenken ist manchmal doch besser." Umgekehrt offenbarten sich schnell Lücken in physikalischer Theorie – selbst bei Lehrern. Als sich das Windrad eines Tages nicht mehr drehte, rief ein Pädagoge noch vom Schulparkplatz aus besorgt bei der Projektleiterin an. Die konnte ihn beruhigen: Es wehte kein Wind.

Windstille herrscht selten entlang den Rocky Mountains und im mittleren Westen. Zugleich wird grüne Energie hier für gewöhnlich nicht geschätzt. Auch deswegen konzentriert sich Wind for Schools auf diese Landstriche fernab der Metropolen. Der sogenannte Wind-Belt zieht sich von Montana und North Dakota im Norden über Colorado und Oklahoma bis hinunter nach Texas.

Insgesamt ging im Jahr 2012 die Rekordmenge von rund 13.000 Megawatt neuer Windenergie ans Netz. Rechnerisch entspricht das der Leistung von etwa einem Dutzend Atommeiler und steht für die Hälfte der gesamten Energiekapazität, die die USA im Jahr 2012 neu aufbauten.

Auch die Solarbranche legte nach ersten Berechnungen um rund 70 Prozent zu und baute neue Anlagen mit rund 3200 Megawatt. Wer durch die Wüsten im Innern von Kalifornien fährt, sieht immer mal wieder blaue Oasen aus spiegelndem Glas vor sich, in deren Schatten einige Vögel Schutz suchen. Konzerne wie First Solar oder Sunpower bauen hier für viele Milliarden Dollar die größten Solarfarmen der Welt, sie sollen Strom für 100.000 Haushalte und mehr liefern. Großinvestor Warren Buffett steckte kürzlich 2,5 Milliarden Dollar in ein Sunpower-Projekt.

 Staaten wie Colorado, Massachusetts und Kalifornien treiben Ökostrom-Ausbau voran

Zur Wahrheit gehört zwar auch, dass die komplette US-Solarleistung nicht einmal dem entspricht, was Deutschland allein 2012 neu aufgebaut hat. Aber Ökostrom trägt mittlerweile mehr als zwölf Prozent zum gesamten amerikanischen Energieverbrauch bei – und damit mehr als die Atomkraft. Grüne Energie ist längst ein Wirtschaftsfaktor, den Republikaner und selbst Leugner des Klimawandels nicht mehr ignorieren können.

Zum Beispiel in Texas: Der durch und durch republikanisch gefärbte Bundesstaat am südlichen Ende des Windgürtels steht traditionell für Öl und Gas. Doch 200 Meilen westlich von Dallas hat die Windbranche die Landschaft nicht nur verändert, sondern komplett neu entworfen. Tausende von Windrädern werfen ihre Schatten auf die fast baum- und strauchlose Ebene. Und wo keiner der fast 100 Meter hohen Türme emporragt, halten Hochspannungsmasten ein Netz von Leitungen wie Spinnweben über dem ausgetrockneten Boden. Jason Grizzle erklärt Besuchern so den Weg zu seinem Büro: Bis zum achten Windrad hinter dem Umspannwerk, dann den Leitungen bis zum dritten Mast folgen!

Der 33-jährige Techniker Grizzle hat die mittlerweile 627 Räder seiner Windfarm im Auge wie früher Cowboys ihre Rinderherden. Täglich fährt er den Park mit der Leistung eines großen Kohlekraftwerkes ab und kontrolliert, ob die Räder rundlaufen. Lange war seine Farm die größte der Welt, bis kürzlich weiter nördlich im Wind-Belt eine noch größere den Betrieb aufnahm. Die rund 400 Besitzer des Landes unter den Turbinen sollen für jede Mühle angeblich mehr als 5.000 Dollar im Jahr bekommen. Grizzle erzählt, dass hier nicht einmal die Leugner des Klimawandels etwas gegen Windkraft hätten. "Ich denke, wir haben es jedem recht gemacht", sagt er. "Selbst wenn auf deinem Land kein Rad steht, so läuft zumindest ein Kabel drüber, was auch wieder Geld bringt."

Vor einigen Jahren noch flohen die Menschen die heiße Gegend, und auch Grizzle wäre fast gegangen, denn es verschwanden auch die Jobs. Dann entdeckten ein paar mutige Texaner die Kraft des Windes, den sie bis dahin verfluchten, weil er die Böden für die wenigen verbliebenen Farmen austrocknete. Europäische Unternehmen sahen die Chancen als Erste. Grizzle etwa arbeitet für den deutschen E.on-Konzern, dem die Windräder gehören. Die Turbinen liefern Siemens, Vestas aus Dänemark oder die spanische Gamesa, auch der US-Konzern General Electric ist hier gut im Geschäft.

Zu den Männern der ersten Stunde gehört Greg Wortham. Er ist Bürgermeister von Sweetwater, der einstmals am schnellsten schrumpfenden Stadt des gesamten Bundesstaates. Aber das ist vorbei. Wortham ist ein kleiner, energiegeladener Typ mit flinker Zunge, bei dem selbst geübte Ohren Worte wie Nachhaltigkeit, Klimawandel oder grüne Energie kaum aus dem schweren Südstaatenakzent herausfiltern können. Grün sei schon gut, sagt er und lacht, grün sei schließlich auch der Greenback, die Dollarnote. "Rund ein Viertel der Windenergie der USA ist in vier Autostunden rund um Sweetwater zu sehen", sagt er stolz bei einer Tour durch seinen Wahlkreis im schweren, landesüblichen Pick-up-Truck. Das bringe Geld für die öffentlichen Kassen. Im Vorbeifahren deutet Wortham auf ein kleines Theater: Gebaut wurde es 1935, dann war es jahrzehntelang geschlossen, bis er es 2006 wegen höherer Steuereinnahmen wieder öffnen konnte. Etwas weiter am Ortsausgang zerlegt ein neu zugezogener Schrotthändler alte Windräder und Turbinen. Die Schule, die seit Kurzem auch wieder mehr Kinder registriert, ist ein Zeichen der Hoffnung. Ebenso die Hochschule, die sich auf Windtechnologie spezialisiert hat.

Das kleine Windwirtschaftswunder verdankt die Gegend aber nicht nur der Natur und ein paar mutigen Unternehmern. Texas hat, wie mehr als die Hälfte der US-Bundesstaaten, die Versorger dazu verpflichtet, einen Teil des von ihnen verkauften Stroms aus erneuerbaren Quellen zu gewinnen. Staaten wie Colorado, Massachusetts und Kalifornien treiben den Ökostrom-Ausbau voran und wollten nicht auf die Regierung in Washington warten, wer immer dort regiert.

Ohne die Republikaner, die in Washington in der Opposition sind, wäre Texas nie zum größten Windenergie-Standort des Landes geworden: Über Jahre hinweg setzten sie sich in ihrem Bundesstaat für neue Hochspannungsleitungen für Windstrom ein und verlängerten den wichtigen Steuerbonus. Im Wahlkampf gegen den demokratischen Präsidenten Barack Obama endete das dann abrupt. "Plötzlich war alles schlecht, was vorher gut war", schimpft Wortham. "Und warum? Weil sie hier den Präsidenten hassen!" Doch kaum waren die Wahlen vorbei, wurden die Vergünstigungen für die Windkraft wieder geräuschlos verlängert.

"Mit den Solarzellen auf dem Dach fingen wir an, auf den Zähler zu achten" 

Der Schaden ist dennoch da. 2013 wird der Neubau nur langsam in Schwung kommen, da verunsicherte Investoren ihre Planungen auf Eis gelegt haben. Und mittelfristig droht dem Ökostrom hier eine ganz andere Gefahr. Denn mithilfe der Fracking-Technologie sprudeln in Texas die zur Neige gegangenen Gas- und manchmal auch Ölquellen wieder. Beim Fracking werden Wasser und Chemikalien mit Hochdruck in Schiefergestein gepresst. Das holt bisher kaum förderbares Gas ans Tageslicht. In Kraftwerken wird das zu Elektrizität gewandelt, es drückt die Strompreise und macht so anderen Energieträgern Konkurrenz. Bis zum Gasboom, sagt Bürgermeister Wortham, hätten die Windräder um Sweetwater sogar ohne den Steuerbonus profitabel sein können. Ansonsten quittiert er den neuen Gas- und Ölboom mit einem Schulterzucken. Auch das bringe schließlich Geld und Jobs in die Region.

In Washington sehen das nicht alle so unproblematisch: Anya Schoolman zum Beispiel. Sie hockt auf dem Dach ihres Holzhauses aus der Jahrhundertwende, rund zwei Meilen nördlich des Weißen Hauses. Von dort oben deutet sie auf rund ein Dutzend Kraftwerke, eines klebt auf der Dachpappe unter ihren Füßen: Dünnschichtmodule, die Sonnenlicht zu Strom wandeln. Ihre Nachbarn im Viertel Mount Pleasant haben teils gewagte Holzgerüste zusammengenagelt, auf denen Solarzellen der Sonne entgegengestemmt werden. "Mit den Solarzellen auf dem Dach fingen wir an, auf den Zähler zu achten", sagt Schoolman. "Wir wussten auf einmal exakt, wie viel wir verbrauchten, und wollten die Rechnung am liebsten auf null bringen."

Die Mount Pleasant Solar Cooperative und Schoolmans Dächertour hätte es wohl nie gegeben, wenn die Gründungsidee von Wind for Schools nicht auch hier verfangen hätte: Schoolmans damals zwölfjähriger Sohn Walter, vom Klimawandel-Film An Inconvenient Truth aufgeschreckt, sprach die Solar-Idee zu Hause an. Schoolman beschäftigte sich damit. Sie wollte zwar nicht in erster Linie Dollar verdienen – aber auch nicht allzu viele verlieren. Anders als in Deutschland gibt es in den USA keine Einspeisepflicht für Ökostrom oder feste Preise. Dafür gab es zwar ein Gemisch von Steuervergünstigungen und kommunalen Zuschüssen, dem aber ein Dickicht bürokratischer Vorschriften, viel zu teurer Lieferanten und störrischer Versorger gegenüberstanden.

So suchte Schoolman Unterstützer per Wurfsendung in der Nachbarschaft. "Damit hatten wir nicht gerechnet", sagt sie. "Innerhalb von zwei Wochen meldeten sich mehr als fünfzig, die als Anwälte, Computerexperten oder Elektriker mitmachen wollten." Sie alle hätten sich wegen des Klimawandels gesorgt und etwas unternehmen wollen. "Im Grunde aber hassen sie wohl vor allem ihre Stromversorger und wollen unabhängiger sein", vermutet Schoolman. "Es ist so, als wenn Sie Gemüse im Garten anbauen. Es schafft ein Stück Befriedigung."

Bald waren die ersten Zellen auf den Dächern im Viertel installiert. Immerhin waren die Anwohner damit schneller als die prominenten Nachbarn etwas weiter südlich: Barack Obama ließ erst vor gut zwei Jahren wieder Solarzellen auf das Weiße Haus montieren, nachdem Ronald Reagan in den achtziger Jahren die zuvor vom demokratischen Präsidenten Jimmy Carter installierten ersten Sonnenkollektoren hatte abbauen lassen. Und das ist symptomatisch für die Energiepolitik in den Vereinigten Staaten: Auf die Frage, wo es am meisten gehakt habe auf dem Weg zur ersten Solaranlage, liefert Schoolman ohne Zögern eine Antwort, die auch von Bürgermeister Wortham oder den Großinvestoren bei den texanischen Windfarmen stammen könnte. "Das Problem heißt Unsicherheit", sagt Schoolman. "Mal unterstützen die Behörden, mal behindern sie. Mal fließt das Geld, dann wieder nicht. Es fehlt uns nicht an Energie, es fehlt an einer langfristigen Perspektive."

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