Zur Wahrheit gehört zwar auch, dass die komplette US-Solarleistung nicht einmal dem entspricht, was Deutschland allein 2012 neu aufgebaut hat. Aber Ökostrom trägt mittlerweile mehr als zwölf Prozent zum gesamten amerikanischen Energieverbrauch bei – und damit mehr als die Atomkraft. Grüne Energie ist längst ein Wirtschaftsfaktor, den Republikaner und selbst Leugner des Klimawandels nicht mehr ignorieren können.

Zum Beispiel in Texas: Der durch und durch republikanisch gefärbte Bundesstaat am südlichen Ende des Windgürtels steht traditionell für Öl und Gas. Doch 200 Meilen westlich von Dallas hat die Windbranche die Landschaft nicht nur verändert, sondern komplett neu entworfen. Tausende von Windrädern werfen ihre Schatten auf die fast baum- und strauchlose Ebene. Und wo keiner der fast 100 Meter hohen Türme emporragt, halten Hochspannungsmasten ein Netz von Leitungen wie Spinnweben über dem ausgetrockneten Boden. Jason Grizzle erklärt Besuchern so den Weg zu seinem Büro: Bis zum achten Windrad hinter dem Umspannwerk, dann den Leitungen bis zum dritten Mast folgen!

Der 33-jährige Techniker Grizzle hat die mittlerweile 627 Räder seiner Windfarm im Auge wie früher Cowboys ihre Rinderherden. Täglich fährt er den Park mit der Leistung eines großen Kohlekraftwerkes ab und kontrolliert, ob die Räder rundlaufen. Lange war seine Farm die größte der Welt, bis kürzlich weiter nördlich im Wind-Belt eine noch größere den Betrieb aufnahm. Die rund 400 Besitzer des Landes unter den Turbinen sollen für jede Mühle angeblich mehr als 5.000 Dollar im Jahr bekommen. Grizzle erzählt, dass hier nicht einmal die Leugner des Klimawandels etwas gegen Windkraft hätten. "Ich denke, wir haben es jedem recht gemacht", sagt er. "Selbst wenn auf deinem Land kein Rad steht, so läuft zumindest ein Kabel drüber, was auch wieder Geld bringt."

Vor einigen Jahren noch flohen die Menschen die heiße Gegend, und auch Grizzle wäre fast gegangen, denn es verschwanden auch die Jobs. Dann entdeckten ein paar mutige Texaner die Kraft des Windes, den sie bis dahin verfluchten, weil er die Böden für die wenigen verbliebenen Farmen austrocknete. Europäische Unternehmen sahen die Chancen als Erste. Grizzle etwa arbeitet für den deutschen E.on-Konzern, dem die Windräder gehören. Die Turbinen liefern Siemens, Vestas aus Dänemark oder die spanische Gamesa, auch der US-Konzern General Electric ist hier gut im Geschäft.

Zu den Männern der ersten Stunde gehört Greg Wortham. Er ist Bürgermeister von Sweetwater, der einstmals am schnellsten schrumpfenden Stadt des gesamten Bundesstaates. Aber das ist vorbei. Wortham ist ein kleiner, energiegeladener Typ mit flinker Zunge, bei dem selbst geübte Ohren Worte wie Nachhaltigkeit, Klimawandel oder grüne Energie kaum aus dem schweren Südstaatenakzent herausfiltern können. Grün sei schon gut, sagt er und lacht, grün sei schließlich auch der Greenback, die Dollarnote. "Rund ein Viertel der Windenergie der USA ist in vier Autostunden rund um Sweetwater zu sehen", sagt er stolz bei einer Tour durch seinen Wahlkreis im schweren, landesüblichen Pick-up-Truck. Das bringe Geld für die öffentlichen Kassen. Im Vorbeifahren deutet Wortham auf ein kleines Theater: Gebaut wurde es 1935, dann war es jahrzehntelang geschlossen, bis er es 2006 wegen höherer Steuereinnahmen wieder öffnen konnte. Etwas weiter am Ortsausgang zerlegt ein neu zugezogener Schrotthändler alte Windräder und Turbinen. Die Schule, die seit Kurzem auch wieder mehr Kinder registriert, ist ein Zeichen der Hoffnung. Ebenso die Hochschule, die sich auf Windtechnologie spezialisiert hat.

Das kleine Windwirtschaftswunder verdankt die Gegend aber nicht nur der Natur und ein paar mutigen Unternehmern. Texas hat, wie mehr als die Hälfte der US-Bundesstaaten, die Versorger dazu verpflichtet, einen Teil des von ihnen verkauften Stroms aus erneuerbaren Quellen zu gewinnen. Staaten wie Colorado, Massachusetts und Kalifornien treiben den Ökostrom-Ausbau voran und wollten nicht auf die Regierung in Washington warten, wer immer dort regiert.

Ohne die Republikaner, die in Washington in der Opposition sind, wäre Texas nie zum größten Windenergie-Standort des Landes geworden: Über Jahre hinweg setzten sie sich in ihrem Bundesstaat für neue Hochspannungsleitungen für Windstrom ein und verlängerten den wichtigen Steuerbonus. Im Wahlkampf gegen den demokratischen Präsidenten Barack Obama endete das dann abrupt. "Plötzlich war alles schlecht, was vorher gut war", schimpft Wortham. "Und warum? Weil sie hier den Präsidenten hassen!" Doch kaum waren die Wahlen vorbei, wurden die Vergünstigungen für die Windkraft wieder geräuschlos verlängert.