Ein heikler Befund. Sogar die Autoren der Studie selbst, die sich viel davon erhofft hatten, bezeichneten das Ergebnis als "bestürzend". Festgestellt wurde immerhin eine bessere soziale Kompetenz aller Kinder, andere Studien widerlegen sogar das.

Mit anderen Worten: Die Forschungsergebnisse sind widersprüchlich. Ahrbeck wundert sich, was die Wissenschaft daraus folgerte: dass die Inklusion trotzdem kommen muss. "Man argumentiert, es gehe ja nicht darum, die Behinderung abzuschaffen, sondern darum, sie zu akzeptieren." Ein Leitspruch der einschlägigen Wissenschaftler laute: "Es ist normal, anders zu sein."

Folgt man Ahrbeck, dann ist der Wunsch zum Leitgedanken der Wissenschaft geworden und diese Wissenschaft zur Grundlage der Politik. Dann ersetzen Beschwörungen die Beweise, wenn die Forschung nicht das gewünschte Ergebnis erbringt.

Ahrbeck sagt, in manchen Bundesländern höre man jetzt auf, festzustellen, ob Kinder mit Problemen überhaupt einen individuellen Förderbedarf haben. "Man tut so, als ob man mit der Auflösung der Begriffe auch die Behinderungen auflösen könnte."

So viele Widersprüche und dazu einen Menschenbildner wie Peter Wachtel zwischen Pädagogik und Politik, zwischen Lobby und Verwaltung – man kann sich allmählich vorstellen, wie der Wunsch nach Reformen im Schulwesen für Behinderte in die Parlamente getragen worden ist: Er wurde beflügelt von einer Inklusionsforschung, die weitgehend von Inklusionsanhängern betrieben wurde. Idealismus und Ideologie bildeten das Fundament für den Umbau zu einem völlig neuen Schulsystem.

Eine weitere ungeklärte Frage aber ist: Wer übernimmt die Kosten? Der Bund? Die Länder? Beim Deutschen Städte- und Gemeindebund sagen sie: Wer die Inklusion bestellt, muss sie auch bezahlen – weshalb die Kommunen von den Landesregierungen Geld verlangen für den Umbau der Schulen, für Therapeuten, für Fahrtkosten.

Die Länder wiederum stellen Forderungen an den Bund. Es ist das übliche Geschacher, nur dass es in diesem Fall auf dem Rücken behinderter Kinder und verunsicherter Eltern ausgetragen wird.

Der Bildungsökonom Klaus Klemm, der diese Woche für die Bertelsmann Stiftung eine Studie veröffentlichte, hat ausgerechnet: "Um inklusiven Unterricht in angemessener Qualität anzubieten", seien bundesweit 9300 zusätzliche Lehrkräfte einzustellen, was jährlich 660 Millionen Euro kosten würde. Diese Rechnung gilt allerdings nur für den Fall, dass das Geld, das derzeit die Sonderschulen kassieren, rund drei Milliarden Euro, weitgehend zu den Regelschulen umgeleitet wird. Wird es aber nicht. In fast allen Bundesländern werden auf Jahre hinaus die zwei Systeme nebeneinander existieren: das neue, zunehmend behindertengerechte an den Regelschulen und das alte der Förderschulen. Theoretisch müssten sich für die Zeiten des Übergangs die Ausgaben für die Bildung behinderter Kinder also verdoppeln. Praktisch passiert das natürlich nirgends. Die Länder müssen sparen.

Und so verbirgt sich hinter der neuen Freiheit der Eltern, entscheiden zu können, in welche Schule sie ihre behinderten Kinder geben, in Wahrheit eine Notlage: Schicken sie ihr Kind in eine Regelschule, riskieren sie auf Jahre hinaus, dass es unzureichend gefördert und betreut wird. Geht es in eine Förderschule, bekommt es womöglich die bessere Versorgung, aber es besteht die Gefahr, dass es als Außenseiter der Gesellschaft stigmatisiert wird.

In Berlin sitzt ein Politiker, der dieses Dilemma satthat. Es ist nicht irgendeiner, sondern Hubert Hüppe, 56, der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung. Er sitzt seit 22 Jahren für die CDU und den Wahlkreis Unna im Bundestag und wirkt für einen Mann seiner Position erstaunlich geladen. Nicht irgendwann, sondern schnell müsse man die Förderschulen abschaffen, findet er: "Wenn man sagt, euer System bleibt erhalten, dann passiert gar nichts."

Hüppes Ungeduld und Unmut wurzeln in seiner persönlichen Erfahrung: Sein jüngster Sohn, heute 18 Jahre alt, kam mit einem offenen Rücken zur Welt, ist körperlich mehrfachbehindert und wurde als lernbehindert eingestuft. Sein ganzes Leben lang wollte den Jungen immer jemand aussortieren und wegparken. Aber seine Eltern haben so lange nicht lockergelassen, bis sie eine Grundschule fanden, die ihn aufnahm. Später gelang ihm der Wechsel in eine Hauptschule, die sich damals zum ersten Mal traute, behinderte Kinder gemeinsam mit anderen Kindern zu unterrichten, in kleinen Klassen. Jetzt, nach einem Förderschulabschluss, steckt Hüppes Sohn in einer Berufsvorbereitungsmaßnahme und kann vielleicht bald eine Ausbildung beginnen. Eine Elterninitiative hat ihm eine Lehrstelle verschafft.

Hubert Hüppe sagt, er und seine Frau hätten es sich einfacher machen können. Es sei in Deutschland ein Leichtes, sein behindertes Kind morgens vom Fahrdienst abholen und es in eine Förderschule chauffieren zu lassen. Am späten Nachmittag werde das Kind pünktlich wieder zu Hause abgesetzt, und therapiert sei es dann auch schon. "Bloß mit der Alltagswelt, mit nicht behinderten Kindern hat es dann nicht eine Minute lang Kontakt gehabt." Wollen Eltern diese Aussonderung nicht mitmachen, müssen sie große Kämpfe ausfechten. Bis jetzt.

"Wir leisten uns einen riesigen und teuren Aussonderungsapparat", findet Hüppe. Schon das Gutachterwesen in der Schule, was da für ein Geld ausgegeben werde, um "vermeintliche Defizite" festzustellen! Oder die Behindertenfahrdienste: Allein in der Region Rheinland gebe es 1200 Buslinien, eine ganze Behördenabteilung sei mit der Koordination beschäftigt!

In Nordrhein-Westfalen habe in den letzten 15 Jahren die Schülerzahl an Schulen für Geistige Entwicklung um 50 Prozent zugenommen! Im selben Zeitraum habe es bundesweit eine Verdopplung der Plätze in den Behindertenwerkstätten gegeben! Und: "Ist es nicht paradox: Wer es schafft, sein behindertes Kind in einem Regelkindergarten unterzubringen, muss Elternbeiträge zahlen. Wer sein Kind auf eine Förderkita gibt, zahlt keine?" Da wachse eine sich selbst erhaltende Wertschöpfungskette, sagt Hüppe, die sich niemals selbst abschaffen werde.

Aber was, wenn ein Kind nicht nur "sogenannt geistig behindert" ist, wie Hüppe das ausdrückt, sondern tatsächlich, so wie Yunus in Hannover? Wenn es untergeht in dieser "Alltagswelt", durch seinen Einschluss in die Regelschule, in große Gruppen erst recht zum Ausgeschlossenen wird?

"Ab wann fängt denn eine geistige Behinderung Ihrer Meinung nach an?", sagt Hüppe. Er wirkt jetzt etwas gereizt. "Ich habe neulich eine junge Frau mit Downsyndrom kennengelernt, die hat ihren Hauptschulabschluss mit 2,6 gemacht." Er beruhigt sich wieder. "Ich weiß nur, dass das bestehende System gescheitert ist."

Für Hüppe ist dieses Thema eine Herzensangelegenheit, man kann das verstehen. Er sagt: "Wer Inklusion will, sucht Wege, wer sie nicht will, sucht Begründungen." Nach dem Gespräch mit ihm hat man eine Ahnung, warum die UN-Behindertenrechtskonvention so herbeigekämpft wurde von Elterninitiativen, Behindertenverbänden, Pädagogen. Man versteht besser, wieso der Wunsch nach einer besseren Welt so übermächtig werden konnte, dass er die inklusive Schule der Zukunft derart überfrachtet mit Ansprüchen und Erwartungen – weil die Sache mit den Sonderschulen völlig aus dem Ruder gelaufen ist, weil das Aussortieren der Behinderten und Benachteiligten immer aufwendiger betrieben wird für immer mehr Geld, ohne aber den Kindern damit nachweisbar eine höhere Chance auf ein besseres Leben zu geben.

Zurück zur Wirklichkeit: Yunus, der Junge aus Hannover, ist jetzt acht Jahre alt. Ende Februar ist er an seine dritte Schule gewechselt. Die zweite war bereits eine Förderschule für Geistige Entwicklung, aber dort hatte er nur eine halbe Stunde Unterricht am Tag, und beim Spielen auf dem Schulhof fürchtete er sich vor den behinderten Jugendlichen, die manchmal grob wurden. Seine Betreuerin dort sagte, Yunus werde vermutlich nie schreiben und lesen lernen. Die Eltern wollten das nicht glauben.

In der neuen Förderschule hat Yunus Mathe und Deutsch, aber er darf aufstehen, wenn er sich nicht mehr konzentrieren kann. Das geht, weil sich stets zwei Pädagogen um nur fünf bis sechs Kinder kümmern. Zusätzlich besucht Yunus an drei Tagen der Woche nachmittags Einzeltherapiestunden, die sein Sozialverhalten stärken sollen. "Wir sind so froh", sagt seine Mutter Gülcan Sen.

In Elterngesprächen lernen sie und ihr Mann Osman, ihr Kind so anzunehmen, wie es ist. Sie sprechen jetzt aus, dass Yunus "geistige Probleme" hat, und verstehen, warum es in der Grundschule nicht klappen konnte. "Viel zu viele Kinder in einer Klasse! Und Yunus war der Kasper, aber auch ein Außenseiter", sagt seine Mutter. Die Lehrerinnen hätten es gut gemeint, "aber sie haben nicht die Ausbildung für so ein Kind. Die können das nicht schaffen."

Eines Tages werden sie es müssen, egal wie.