DIE ZEIT: Herr Felten, wenn Sie als Mathelehrer eine neue Klasse übernehmen, woran erkennen Sie die schlauen Kinder?

Michael Felten: Darauf kommt es mir am Anfang gar nicht an. Ich gebe mir und der Klasse ein halbes Jahr Zeit, damit wir uns gegenseitig kennenlernen können. Ich weiß, dass die Leistung eines Schülers sehr stark vom Lehrer abhängt. Wenn er zum Beispiel vorher von jemandem unterrichtet wurde, der über Fehler gelacht hat, dann hat ihm das Angst gemacht, und er hat deshalb vielleicht schlechte Noten geschrieben. Bei einem neuen Lehrer strengt er sich an, aber weil er noch Lücken hat, wird die erste Arbeit vielleicht nicht so gut, wie sie sein könnte. Deshalb verlasse ich mich nie auf die erste Klassenarbeit.

ZEIT: Also sagt eine Note nichts über die Intelligenz eines Schülers aus?

Felten: Ich denke nie: Der hat diese Aufgabe nicht gepackt, der ist weniger intelligent. Es kann eine Fülle von Gründen geben. Ich beobachte die Schüler bei verschiedenen Themen wie Algebra oder Wahrscheinlichkeitsrechnung, und nach einiger Zeit kann ich mehr darüber sagen, ob jemand eine schnelle Auffassungsgabe hat oder nicht.

ZEIT: Lässt sich fehlende Intelligenz durch Fleiß ausgleichen?

Felten: Die weniger intelligenten Kinder können mit Fleiß schon sehr viel ausrichten. Das ist ihre Hauptmünze. Wenn dagegen ein intelligentes Kind keine Lust zum Lernen hat, kann ganz viel ungenutzte Intelligenz brachliegen. Intelligent zu sein heißt nicht, sich nicht anstrengen zu müssen.

ZEIT: Sie unterrichten an einem Gymnasium. Wie stark sind die Intelligenzunterschiede bei Ihren Schülern?

Felten: Sie sind auf jeden Fall vorhanden, stärker als früher. Aber ich sehe auch eine breite Streuung, wenn es um Arbeitshaltung und Motivation geht. Das führt dazu, dass man in jeder Klasse eine höchst individuelle Mischung von mäßig begabten und lustlosen Schülern bis hin zu sehr begabten und hoch motivierten Schülern sitzen hat.

ZEIT: Es heißt, vom zehnten Lebensjahr an verändert sich der IQ kaum noch. Was können Sie als Lehrer da überhaupt noch erreichen?

Felten: Es geht ja nicht nur um Intelligenz. Arbeitshaltung und Wissensverarbeitung sind nicht mit dem IQ identisch. Sie müssen entwickelt werden. Und daran ist der Lehrer erheblich beteiligt.

ZEIT: Es gibt Kinder mit sogenannten Inselbegabungen, die sind zum Beispiel nur in Mathe brillant, haben aber Probleme in anderen Fächern. Kann die allgemeinbildende Schule solche Schüler ausreichend fördern?

Felten: Auch diese Schüler brauchen breite Anregungen und sollten in möglichst vielen Fächern Lernzuwächse erzielen. Sie müssen sich ausdrücken können und ein kulturelles Verständnis erwerben. Natürlich versucht man, ein Kind, das sehr gut in Mathe ist, auch in den Sprachen weiterzubringen.

ZEIT: Wie fördern Sie als Lehrer die intelligenten Schüler in Ihrem Unterricht?

Felten: Für die Gruppe der besonders Fähigen und Interessierten habe ich weiterführende Aufgaben in petto. Eine Möglichkeit sind die sogenannten Blütenaufgaben, bei denen man ein Problem in Teilaufgaben mit steigendem Schwierigkeitsgrad zerlegt, sodass jeder Schüler so weit rechnen kann, wie es ihm möglich ist – ohne sich zuordnen zu müssen oder beschämt zu werden. Die Schwächeren schaffen vielleicht nur einen Teil der Aufgaben. Ich setze die Guten auch oft als Helfer ein, die ihren Mitschülern dann die Basics erklären. Das machen sie sehr gern, denn Kinder suchen auf zwei Ebenen Anerkennung, durch Leistung und durch die soziale Erfahrung, dass sie für andere nützlich sein können.

ZEIT: Aber würden die Guten nicht noch besser, wenn man sie nicht nach Alter, sondern nach Lerngeschwindigkeit aufteilen würde?

Felten: Das würde bedeuten, dass die schnellen Lerner unter sich bleiben und die ganz langsamen auch, und beide Gruppen wären schnell voneinander entfernt. Dieser Wettbewerb kommt im Erwachsenenleben aber früh genug. Schule hingegen ist nicht nur ein Ort der Wissensvermittlung und Lernschulung, es sollte auch ein Ort der Erfahrung von sozialem Miteinander sein. Wenn nur die Gleichstarken zusammen lernen, wäre das ein ungünstiges Vorzeichen für gesellschaftliche Entwicklungen.

ZEIT: Immer wieder heißt es, dass es die Schule nicht schafft, unentdeckte Potenziale zur Entfaltung zu bringen. Ist das so schwierig?

Felten: Die Schule gibt ja eine Fülle von Anstößen zur Entfaltung, aber sie ist nur ein großer Anreger unter vielen – neben den Eltern, den Freunden oder den medialen Einflüssen.

ZEIT: Wo liegen die Grenzen der viel gepriesenen individuellen Förderung?

Felten: Je heterogener die Gruppe ist, umso differenzierter und flexibler muss ein Lehrer arbeiten. In einer Klasse sind dreißig verschiedene Schüler, aber ich kann nicht dreißig Mal verschiedenen Unterricht geben. Ich halte auch die Idee, jeden Schüler mit seinem persönlichen Arbeitsblatt zu unterrichten, für erstens illusorisch und zweitens unnötig. Mir ist klar, dass jeder Einzelne das, was ich erkläre, ganz unterschiedlich auffassen wird. Ich muss immer wachsam sein, um zu sehen, ob die Schwächeren weitere Erklärungen oder Hilfen brauchen.

ZEIT: Und wie intelligent muss eigentlich der Lehrer selbst sein?

Felten: Man braucht als Lehrer viel Wissen, fachlich und auch methodisch. Unterricht funktioniert zudem ganz wesentlich über Empathie. Wie schaffe ich es, meinen Schülern gegenüber anregend und aufbauend zu sein? Wie finde ich heraus, warum ein Kind ständig den Unterricht stört? Gerade im Bereich der psychologischen Kompetenzen besteht in der Lehrerbildung einiger Nachholbedarf. Und noch etwas: Ein Lehrer muss im Innersten davon überzeugt sein, das sich jedes Kind zu jedem Zeitpunkt entwickeln kann. Auch die, die über längere Zeit Schwierigkeiten haben, etwa in der Pubertät. Eine aktive Ermutigungshaltung zu haben – das ist gerade bei Gymnasiallehrern noch nicht selbstverständlich.