Als Kritiker suche ich seit Langem nach einem Buch, bei dem ich wirklich mitreden kann. Da ich lange genug gewartet habe, ist es dieses geworden: Odo Marquard: Endlichkeitsphilosophisches. Über das Altern. Das Interesse am Alter ist ein Teil des anschwellenden Bocksgesangs in dieser Gesellschaft: Man kommt allmählich dahinter, dass man zwar nicht sterben, aber auch nicht alt werden will, und dieses Dilemmas nimmt man sich vielstimmig an. Michael Hanekes großer Film Amour stellt einen Weg der Ausweglosigkeit dar, der sich im realen Leben für nicht wenige Menschen am Horizont zeigt.

Die Textsammlung von Marquard enthält keine großen, pathetischen Darstellungen; es sind kleine, der eigenen Endlichkeit verpflichtete Interventionen, die den Vorteil haben, dass auf diese Weise jeder selbst denken kann. Es ist auch ein Text abgedruckt, in gekürzter Fassung, der eine beinahe berühmt gewordene Passage enthält. In Marquards Studien hieß der Text Theoriefähigkeit des Alters. Seine These ist, dass man im Alter aus der Reihe derer ausschert, denen noch eine Zukunft beschieden ist. Also ist man vom Zukunftskonformismus befreit und kann deutlicher sehen und sagen, was los ist. "Alte Menschen", und das ist die Passage, "können unbekümmerter nicht nur merken, sondern auch reden. Zuweilen verfügen sie über eine solide Schandmaulkompetenz. Man braucht im Alter keinen Mut mehr, um in Fettnäpfchen zu treten, weil man nicht mehr genug Zukunft hat, um wiedergetreten werden zu können."

Es ist eine der Eigenarten von Marquards Werk, dass es Witz und Ironie hat, andererseits aber von melancholischen Perspektiven durchsetzt ist. Nur ein Mensch mit einer solchen Haltung kann aus Kants Satz "Das Lachen ist ein Affekt aus der plötzlichen Verwandlung einer gespannten Erwartung in nichts" eine Analogie zum Leben machen. Ist nicht das Alter, wie Marquard sagt, die Verwandlung des Lebens in den Tod?

Als der zitierte Aufsatz noch Theoriefähigkeit des Alters hieß, war der Philosoph 72 Jahre alt. Jetzt ist er 85, und in einem Interview mit dem Herausgeber des Bandes steht ein folgenschweres Dementi: "Meine Grundthese, dass das Alter einen theoriefähig mache, ist zu positiv, optimistisch oder schön gelesen worden – nicht zuletzt auch von mir selbst." Aber Marquard ist auch der Alte geblieben, und er findet eine präzise Definition für den neuen geistigen Zustand: "Die Wissbegierde erlahmt im hohen Alter. Es kommt zu intellektuellem Appetitmangel."

In dem Band Endlichkeitsphilosophisches ist allein das Interview neu. Der gekürzte Aufsatz, in dem einst das Alter mit hervorragenden Denkmöglichkeiten ausgestattet war, trägt jetzt den Titel Zum Lebensabschnitt der Zukunftsverminderung. Der harte Weg der Einsicht geht von einer Fähigkeit hin zur Verminderung und dann ins Nichts. Die Illusionslosigkeit ist ja gut, aber ich würde mit dem Professor diskutieren, ob wir als "Modernitätstraditionalisten" uns nicht zu sehr der Zukunft verschreiben, sodass wir dann, wenn wir keine mehr haben, uns besser gleich totstellen. Ich bin zu alt dafür, aber die Jungen sollten für ihr Alter lernen, auch im "Hier und Jetzt" zu leben.