Es ist der 7. Oktober 2003, gegen 16 Uhr, als Thomas Adolf eine Anwaltskanzlei in Overath bei Köln betritt. Adolf ist 45 Jahre alt, war nach eigenen Angaben mehrere Jahre Söldner in Afrika. Zurück in Deutschland, macht er Anfang der 1990er Jahre kurz bei der rechtsextremen Deutschen Liga für Volk und Heimat mit, radikalisiert sich, ernennt sich irgendwann zum Führer einer selbst gegründeten SS-Division. Er legt eine Liste mit Gegnern des angeblich weiter bestehenden Deutschen Reiches an, Politiker stehen darauf, Medienvertreter, jüdische Einrichtungen – und der Anwalt Hartmut Nickel. Mit einer Pumpgun erschießt Adolf an jenem Oktobernachmittag Nickel sowie dessen Frau und Tochter. Es soll, wie Adolf in einem Flugblatt an das "deutsche Volk" schreibt, der Auftakt eines Befreiungsfeldzugs sein. Kurz darauf wird er festgenommen, im Dezember 2004 zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Gericht attestiert ihm eine nationalsozialistische Weltanschauung.

Als vor anderthalb Jahren die Morde der Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) bekannt wurden, war das Erschrecken groß. Was lange nur ein Verdacht war, ist seitdem Gewissheit: Deutsche Behörden haben große Schwierigkeiten, rechtsextreme Gewalt zu erkennen. Nach dem NSU-Schock wurde Besserung gelobt. Die Innenminister von Bund und Ländern versprachen, alle Altfälle noch einmal zu untersuchen, bei denen ein rechtes Motiv denkbar ist. Doch geschehen ist bislang wenig. Auch jetzt noch, kurz vor Beginn des NSU-Prozesses in München, haben die Sicherheitsbehörden immense Schwierigkeiten, ihre Fehler einzugestehen und zu korrigieren.

So fehlt Hartmut Nickel bis heute in der offiziellen Liste von Todesopfern rechts motivierter Gewalt – und neben ihm fehlen die Namen von mindestens 88 weiteren Toten. Nach Recherchen der ZEIT und des Berliner Tagesspiegels starben zwischen 1990 und 2012 in Deutschland mindestens 152 Personen durch rechts motivierte Täter; die Behörden aber sprechen – inklusive der zehn NSU-Opfer – lediglich von 63.

Wer nach Gründen sucht für die erhebliche Diskrepanz, muss tief eintauchen in die Arbeit von Polizei und Justiz. Bis 2001 wurde rechte Gewalt eng definiert: Nur rechtsextremistische Taten fanden Eingang in die Statistik, also solche, die sich, dem offiziellen Extremismusbegriff folgend, direkt gegen den Staat richteten. Viele Angriffe auf Migranten oder Punks fielen durch dieses Raster.

Vor zwölf Jahren wurde die Zählweise verändert. Seither sprechen die Behörden von "rechts motivierter Gewalt". Unter diesem Begriff sollen alle Delikte erfasst werden, bei denen – so die sperrige Definition – "die Umstände der Tat oder die Einstellung des Täters darauf schließen lassen, dass sie sich gegen eine Person aufgrund ihrer politischen Einstellung, Nationalität, Volkszugehörigkeit, Rasse, Hautfarbe, Religion, Weltanschauung, Herkunft, sexuellen Orientierung, Behinderung oder ihres äußeren Erscheinungsbildes bzw. ihres gesellschaftlichen Status richtet". Das heißt: Ein rassistischer Angriff soll erfasst werden, auch wenn der Täter kein NPD-Parteibuch hat; und wird ein Obdachloser von jemandem zusammengeschlagen, der ihn für minderwertig hält, zählt das ebenfalls. Die Realität der rechten Straßengewalt erfassen die neuen Kriterien viel besser. Doch eine unvoreingenommene, bundesweite Neubewertung von Altfällen anhand der erweiterten Definition hat es nie gegeben – deshalb fehlen bis heute viele Todesfälle aus den neunziger Jahren in den Statistiken.

ZEIT und Tagesspiegel haben alle recherchierten Fälle anhand der offiziellen Kriterien überprüft. Dafür wurden Hunderte Lokalzeitungsartikel und Gerichtsurteile gesichtet, Staatsanwälte und Richter, Anwälte und Hinterbliebene interviewt. Gezählt wurden am Ende nur Straftaten, die sich eindeutig als politisch rechts motiviert einordnen lassen. Bei 18 weiteren Fällen liegt der Verdacht nahe, letzte Zweifel konnten aber nicht ausgeräumt werden.

Zuständig für die Statistiken sind die einzelnen Bundesländer und ihre Landeskriminalämter, das BKA und das Bundesinnenministerium zählen lediglich die gemeldeten Fälle zusammen. Vielerorts haben Polizei und Justiz bis heute offenbar Probleme beim Zählen. Zum Teil liegt das in der Natur der Sache: Motivationen zu ergründen ist meist schwer, oft schweigen die Täter oder leugnen politische Hintergründe. Zudem sind Tatmotive für Ermittler häufig zweitrangig – haben sie den Täter, ist für sie der Fall abgeschlossen.