Lenka kommt nach Haus. Sie öffnet den Briefkasten. Ein blaues Kuvert fällt ihr entgegen. "Wie gelähmt stehe ich im Hausflur, und mein Herz krampft sich zusammen." Sie kann nicht fassen, was sie da liest: Lenka und ihre Mutter erhalten ein Visum für eine Reise nach Deutschland. Spät am Abend kommt ihre Mutter heim und liest den Brief. "Oje – Jesus – Auweia", auch sie kann es kaum glauben. Lenka, ungeduldig, kündigt an: "Mami, wenn du nicht gehen willst, dann gehe ich alleine."

Wir sind im Jahr 1986, in der Tschechoslowakei, in der böhmischen Kleinstadt Přerov. Lenka ist fast siebzehn und will Schauspielerin werden. Was ihr in der Heimat versperrt ist, im verheißungsvollen Westen soll es gelingen, am liebsten in Deutschland: "Ich weiß nichts von Deutschland. Gar nichts. Im Unterricht haben wir, außer einer ausführlichen Anti-West-Propaganda, ganz wenig über unsere Nachbarn erfahren." So gedeiht der Traum vom Paradies.

In ihrem ersten Roman erzählt Rena Dumont auch ihre eigene Geschichte von der Auswanderung in ein fremdes Land. 1969 in Mähren geboren, ist sie seit 1995 Schauspielerin an verschiedenen deutschsprachigen Bühnen. Ihr Blick zurück auf jene Rena Zednikova, die einst in einem kleinen Fiat mit ihrer Mutter nach Deutschland fuhr und das zweiwöchige Visum in ein anderes Leben verwandelte, ist zu einem bemerkenswerten Roman geworden. Direkt, ja burschikos, respektlos, bisweilen flapsig im Ton, gelingt Rena Dumont eine ungemeine Gegenwärtigkeit ihrer Erzählung. Nichts ist weit weg oder lange her, eine dicke Portion Nüchternheit baut jeder Versuchung zur Verklärung vor.

Lenka kann den großen Plan nicht für sich behalten: "Drobi, wir hauen ab", flüstert sie mitten im Unterricht ihrer besten Freundin Drobina zu. Drobi kann man trauen, "Oh Gott," sagt sie, doch verrät nichts. Alles steht von nun an im Zeichen des heimlichen Abschieds, von der Freundin, von ihrem Freund, von den Großeltern, von vertrauten Orten, von der Heimat, von der Wohnung. Schmerzhaft, aber Lenka will es. Ihre Mutter tut sich noch schwer. Sie sind schon einige Tage in Deutschland, noch könnten sie problemlos zurück. Hin und Her, was tun? Aber dann ist ihre Mutter überredet, trocknet sich die Tränen und sagt: "Wir versuchen es, Leni. Wir bleiben." Sie fahren nach Berchtesgaden, zur Polizeistation, und Lenka spricht die folgenreichen Worte: "Wi wont politikl Asil." Kein Zurück mehr.

Jetzt ändert sich die Szenerie. Die beiden kommen nach Königssee, dort ist in einem ehemaligen Sporthotel ein Asylantenheim. Acht Monate werden die "zwei Königinnen des Charmes" und "Ostblock-Weiber" hier verbringen, eine Zeit der Anfechtungen, der drohenden Lethargie. Deutschland schrumpft zum kleinen Distrikt, in dem Polen, Albaner und Jugoslawen ihre Konflikte austragen. Regelmäßige Diebstähle im Kaufhaus, Klamotten und Kosmetika, auch Lenka und ihre Mutter lernen dieses Handwerk. Lenka hat eine Affäre, die es für den Roman nicht gebraucht hätte, und schließlich so etwas wie eine rettende Idee: "Gute Tag, liebe Herr, ich habe Frage." Der Mann vom Landratsamt versteht sie nicht gleich: "Ich bin in Asillantelager in Känigsä, und ich mächte in Schule hären wie Gast. Mächte deutsche Sprache lernen." Ihre Bitte wird erfüllt. Ein weiterer Schritt nach Deutschland. Der nächste ist eine meisterlich inszenierte Ohnmacht, die Lenkas Schauspieltalent beweist.

Rena Dumonts Roman mag Längen haben. Kein Problem, denn kurz darauf nimmt sie den Leser wieder mit. Immer aber bleibt der Roman kantig, bügelt nichts zur beschaulichen Rückschau. Und ist darum eine packende Lektüre.