ZEITmagazin: Frau Schüttler, in der ZDF-Produktion "Unsere Mütter, unsere Väter" spielen Sie eine Frau im "Dritten Reich", die Sängerin werden will. Der Film zeigt vier Freunde, die gerade erwachsen geworden sind und ihr Leben finden müssen. Diese Zäsur gibt es in Ihrer eigenen Biografie nicht: Sie standen schon als Kind auf der Bühne.

Katharina Schüttler: Dieses Gefühl, dass alles offen ist und man nicht weiß, wohin es einen verschlägt, das kenne ich in der Tat nicht. Wenn ich nicht schon immer Theater gespielt und Filme gedreht hätte, hätte ich vielleicht mit 20 etwas ganz anderes gemacht. Ich wollte zum Beispiel um die Welt reisen. Das bin ich aber nie, weil ich das Gefühl hatte: Dafür müsste ich etwas aufgeben, was schon da ist. Ich bedaure das nicht, es war einfach so.

ZEITmagazin: Ihren großen Durchbruch hatten Sie 2006, als Sie in Thomas Ostermeiers Inszenierung an der Schaubühne Ibsens Hedda Gabler spielten.

Schüttler: Damals wurden wir mit Hedda Gabler zum Theatertreffen eingeladen, das war jenseits des Vorstellbaren für mich. Die Welt um mich herum fing an, mich in Beschlag zu nehmen. Man muss erst lernen, mit der medialen Aufmerksamkeit umzugehen. Plötzlich gibt es ein Selbst von einem, das man von außen betrachten kann und von dem man gar nicht genau weiß: Wie viel davon will ich überhaupt sein? Es ist eine große Versuchung, sich mit dem Bild, das einem von außen geliefert wird, zu identifizieren und zu denken: Aha, das bin ich, nicht schlecht!

ZEITmagazin: Wie würden Sie dieses Medienbild beschreiben?

Schüttler: Das Jahr 2006 ging damit los, dass ich die Süddeutsche Zeitung aufschlug, da hieß es auf vier Seiten: Achtung, 2006 ist das Jahr für folgende Leute ... und da war ich, auf einer Seite mit Lukas Podolski, Angela Merkel und dem Papst. Mein Bild war das größte, darunter stand: Wenn diese Augen töten könnten, hätte Katharina Schüttler auf ihrem Weg schon viele Leichen hinterlassen. Da wurde ich mit meiner Rolle als Hedda Gabler verwechselt.

ZEITmagazin: Konnten Sie den Ruhm genießen?

Schüttler: Das war alles aufregend und toll, aber die Erwartungshaltung übte großen Druck auf mich aus. Das Theatertreffen rückte näher, ich hatte wahnsinnig viel zu proben für Trauer muss Elektra tragen. Eine Woche vor dem Theatertreffen bin ich morgens aufgewacht und hatte keine Stimme mehr. Ich wusste sofort: Das ist jetzt schlimm. Ich rief im Theater an und flüsterte: Ich geh ins Krankenhaus. Und der Arzt sagte: Wenn Sie nicht wollen, dass Sie ein lebenslanges Problem kriegen, dann sollten Sie jetzt drei Wochen die Klappe halten.

ZEITmagazin: Das hätte geheißen: kein Theatertreffen?

Schüttler: Kein Theatertreffen, kein Gastspiel in Wiesbaden, keine Elektra, es waren insgesamt 16 Vorstellungen. Und man denkt: Fuck, ich bin die Hauptrolle, ohne mich geht es nicht! Elektra wurde abgesagt. Dann kam das Hedda Gabler- Gastspiel in Wiesbaden. Ich bin extra noch mal zu einem Arzt gegangen, der auch sagte: Nicht sprechen!

ZEITmagazin: Haben Sie die ganze Zeit wirklich gar nicht geredet?

Schüttler: Da kam nichts raus. Ich hatte einen Stapel Hefte, in die schrieb ich, was ich sagen wollte. Wir fuhren trotzdem nach Wiesbaden. Thomas Ostermeier saß am Bühnenrand an einem Lesepult und las meinen Text vor, während ich stumm über die Bühne ging. Es war wahnsinnig anstrengend, ich hatte ja auch Fieber. Aber es gab natürlich lustige unfreiwillige Lacher, zum Beispiel wenn Hedda den Computer zerstört und ihr Ehemann Tesman reinkommt und sagt: Sag doch mal was, sag doch endlich mal was!

ZEITmagazin: War der Stimmverlust eine Art Warnung?

Schüttler: Ja, eine Bremse des Körpers. Die Zeit der Stummheit führte dazu, dass ich dachte: Das passiert aus einem Grund. Ich muss etwas ändern in meinem Leben. Es gibt Dinge, die nicht geklärt sind und vor denen ich davonlaufe.

ZEITmagazin: Berufliche oder private Dinge?

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Schüttler: Beides. Es kam auch noch ein Kinofilm raus, und ich wurde Schauspielerin des Jahres. Ich fühlte mich wie in einem Waschmaschinenschleudergang: Man ist da drin, hält den Mund und guckt sich das so an. Erst die Stummheit hat mir geholfen, Dinge auszusprechen – also auf Papier zu schreiben –, die ich vorher auszusprechen nicht gewagt hatte.

ZEITmagazin: Was war das?

Schüttler: Es war der Schritt, sich von einem Menschen, mit dem man lange durchs Leben gegangen ist, zu trennen. Das ist mir schwergefallen, weil ich eine große Angst hatte, den anderen Menschen zu verletzen. Vielleicht hatte es auch etwas mit Feigheit zu tun: Ich lief dem Leben davon. Manchmal muss man jemandem wehtun, das gehört zum Erwachsenwerden dazu. Man muss zu jemand anderem Nein sagen, um zu sich selbst Ja sagen zu können. Vorher war es umgekehrt gewesen, und das ist nicht gut.