Are you crazy? Spinnen Sie?" will Peer Steinbrück wissen. Er guckt ungnädig, als ein junger Journalist die Frage stellt, die kommen muss bei diesem Essen in Berlin.

Montagmittag, der Kanzlerkandidat ist verabredet mit der Princeton-Professorin Anne-Marie Slaughter, der früheren Planungsstabs-Chefin von Hillary Clinton, die ihren Job in Washington wegen ihrer Familie aufgab und einen weltweit debattierten Artikel über diese Entscheidung schrieb. Mit am Tisch sitzen ausgewählte Journalisten, sie dürfen mitdiskutieren und zugucken, wie der Kandidat sich über die Familien- und Frauendebatte informiert. So kommt es, dass die Amerikanerin auf die Frage antworten muss, die Peer Steinbrück nicht gefällt: Frau Slaughter, wäre es nicht ein Rückschritt für die Sache der Frauen, wenn demnächst nicht Angela Merkel, sondern der Mann neben Ihnen Deutschland regiert?

Slaughter gehörte einer demokratischen Regierung an, zählt also im weiteren Sinne zur Verwandtschaft der SPD, allerdings hat sie in ihrem Artikel die Kanzlerin als Vorbild gepriesen. Sie schrieb ihren Text sogar mit einem Merkel-Foto vor Augen: Die New York Times hatte die Kanzlerin gerade gemeinsam mit Währungsfonds-Chefin Christine Lagarde auf ihrer ersten Seite präsentiert: zwei Frauen, die die Geschicke der Welt bestimmen.

Nein, sie drücke Merkel nicht die Daumen, sagt Slaughter, Substanz sei ihr wichtiger als Symbole, und was die SPD in der Frauenpolitik vorhabe, finde sie gut. Außerdem wisse man ja: Der erste Außenseiter in einer Regierung oder einem Unternehmen falle meistens durch besondere Angepasstheit auf. Die erste Frau, der erste Schwule, der erste Farbige – oft bewegten sie weniger in der Sache als ihre Nachfolger, weil sie scharf beobachtet werden. An dieser Stelle atmet der Kandidat auf.

Mit ihrer Karriere-Verweigerung ist Anne-Marie Slaughter in Amerika vor allem für junge Frauen und Männer ein Idol geworden. "Das sind die Töchter und Söhne der ersten Generation von Karrieremüttern, die mit den 24-Stunden-Nannys, die immer so tun mussten, als sei die Verbindung von Job und Kindern kein Problem", sagt Slaughter. "Die sagen jetzt: Danke, Mama, aber so wollen wir nicht leben. Und sie finden es gut, dass ich darüber spreche, wo die Probleme liegen."

Auch in Deutschland hat Slaughter viele Fans. Frank-Walter Steinmeier, der sie aus seiner Zeit als Außenminister gut kennt, hatte eine gemeinsame Veranstaltung in Berlin vorgeschlagen. Als die SPD Einladungen dazu verschickt, wird sie von Interessenten überrannt. Man muss einen größeren Raum suchen, weicht aus in den Berliner Admiralspalast, wo die beiden mit der Daimler-Managerin Ursula Schwarzenbart vor 500 Gästen debattieren. Viele junge Frauen sind gekommen, ein Viertel der Gäste sind Männer.

Gleich zu Beginn stellt Slaughter klar, wo sie in Gender-Fragen den größten Unterschied zwischen Amerika und Deutschland sieht: In den USA helfe die Arbeitskultur den Frauen, daher die vielen Topmanagerinnen, aber der Staat helfe nicht. In Deutschland sei es umgekehrt, der Staat tue viel für Mütter, auch solche, die Job und Familie unter einen Hut bringen wollen. Hier sei eher die Kultur das Problem. Das ist höflich formuliert, in Wahrheit findet Slaughter die Deutschen ziemlich macho, wie sie später erzählt. Sie sei regelmäßig in Deutschland – und in wenig anderen Ländern erlebe sie so häufig, dass ausschließlich ihr Mann bei gemeinsamen Auftritten gefragt werde, was er beruflich so mache. "Durch mich", sagt sie verblüfft, "wird dann einfach hindurchgeguckt."