Semiya Simseks Vater war das erste Opfer der Terrorgruppe NSU. Am 9. September 2000 wurde der Blumenhändler Enver Simsek in seinem Transporter in der Fahrt auf einer Landstraße südlich von Nürnberg ermordet – aus nächster Nähe, mit neun Schüssen, eine Hinrichtung. Im Pink Panther-Video, mit dem die NSU-Täter sich verewigten, sieht man den Sterbenden, am Tatort von seinen Mördern gefilmt, dazu ertönt ein swingender Soundtrack. In ihrer Rede auf der Gedenkfeier für die Opfer hat Bundeskanzlerin Angela Merkel gesagt, dieses Video sei das Zynischste, was ihr in ihrer ganzen Amtszeit jemals untergekommen sei.

Die neun Opfer des Nationalsozialistischen Untergrunds hatten eine Gemeinsamkeit, von der bislang praktisch nie die Rede gewesen ist. Sie waren nicht nur "ausländischer Herkunft". Sie waren selbstständig, erfolgreich und selbstbewusst. Sie veränderten das Gesicht Deutschlands. Auf ihren Lkw stand "Simsek" und nicht "Müller". Sie waren keine Bittsteller, sondern Unternehmer, Teil der deutschen Gesellschaft. Womöglich, so schreibt Semiya Simsek in ihrem Buch Schmerzliche Heimat, mussten sie deshalb sterben. Semiya Simsek, die 14 Jahre alt war, als ihr Vater ermordet wurde, lebt heute nicht mehr in Deutschland.

Es ist unmöglich, bei der Lektüre ihres bewundernswerten Buches nicht an Thilo Sarrazins Invektiven gegen die türkischen "Obst- und Gemüsehändler" zu denken, durch deren Zuzug Deutschland sich angeblich "abschafft". Denn der Mann, der einem aus Semiya Simseks Aufzeichnungen entgegentritt, hat sich geradezu arbeitswütig in das Abenteuer gestürzt, das vermeintlich harmlos "Migration" heißt. Die Zahl der Bundesbank-Vorstandsmitglieder, die in ihrem Leben vergleichbare Risiken auf sich nehmen, dürfte eher gering sein. Vom Hirten im türkischen Salur, einem Dorf im Taurusgebirge, zur Armee in Ankara, dann als 24-Jähriger 1985 nach Deutschland, erst Fließbandarbeit, dann Schleifer bei Phönix. Und am Wochenende Putzjobs, staubige Werkhallen schrubben, ebenso wie die Mutter, die immer mehrere Stellen gleichzeitig jonglierte. Später sah er an der Straße die fliegenden Blumenhändler, ließ sich die Sache mit der "Reisegewerbekarte" erklären, band und verkaufte selber Sträuße, zankte sich mit dem Ordnungsamt und stieg schließlich selbst in den Großhandel ein. Dazu musste er nach Holland.

Es waren nicht zuletzt diese Holland-Fahrten, die in den Augen der Polizei aus dem Opfer Enver Simsek elf Jahre lang einen Täter machten. Noch an seinem Todestag begann mit den misstrauischen Nachfragen der Polizei die Höllentour der Familie Simsek. Fürderhin hatte sie nicht nur mit dem Verlust des Vaters zu kämpfen, sondern mit einem ungeheuerlichen Generalverdacht: War er Teil eines Drogenrings? Ein Kurier, der Heroin von Amsterdam nach Deutschland schmuggelte, sein Blumengeschäft eine reine Tarnfirma? Wieder und wieder wurde Semiyas Mutter gefragt, wo sie zur Tatzeit gewesen sei. Ob es Probleme in der Ehe gegeben habe. Ob man noch regelmäßig Sex miteinander gehabt habe. Wieder und wieder kamen Beamte ins Haus, schlugen auf den Tisch – die Mutter reichte ihnen immer noch frisch Gebackenes, alles andere hätte sie als unhöflich empfunden.

Als man schließlich nicht weiterkam, zeigte man der Witwe sogar Fotos von einer zweiten Familie, die der Vater angeblich aufgebaut habe. Auch Onkel und Tanten wurden verdächtigt, Abhörwanzen in ihren Autos angebracht. In Salur, dem Heimatdorf der Eheleute Simsek, fingen die Leute an zu reden. Sogar eine Mitgliedschaft bei den Grauen Wölfen wurde diskutiert – alles, restlos alles, nur nicht Ausländerhass. "Irgendwann", schreibt Semiya Simsek, "taucht am Rande des Bewusstseins ein Fragezeichen auf. Ein Vielleicht. Ein Vielleicht-doch. Ich zweifelte nicht an meinem Vater. Aber."

Schmerzliche Heimat ist weder larmoyant noch polemisch geschrieben. Der Autor Peter Schwarz ist Frau Simsek, die Sozialpädagogik studiert hat, dabei zur Hand gegangen. Sein Ton ist nüchtern, aber keineswegs kalt. Auch schwierigste Passagen – wie zum Beispiel der Blick auf die gelegentlich fantasievolle Buchführung des Vaters, der Tathergang oder die Indolenz der Behörden – kommen so nüchtern wie möglich daher, ohne allerdings die Gefühle zu verbergen, die sich in der Tochter des Toten abgespielt haben.

Die Wut der Autorin trifft nicht nur die Behörden, für deren Hilflosigkeit sie durchaus Verständnis aufbringt. Sie trifft auch die Journalisten. Ungeprüft hätten sie jahrelang noch die absurdesten Thesen, alle Legenden von den "Döner-Morden", begierig aufgegriffen und verbreitet, was ihnen von der Polizei erzählt wurde. Nach Auffliegen des Terrortrios im Jahr 2011 wollten natürlich viele schon immer gewusst haben, dass es um Fremdenfeindlichkeit ging.

Semiya Simsek, die bis zum Mord an ihrem Vater persönlich nie mit Ressentiments gegen Türken zu tun hatte, wird im Prozess gegen Beate Zschäpe als Nebenklägerin auftreten.