Kriminologen versuchen regelmäßig, "gefühlte Kriminalitätstemperatur" in der Bevölkerung zu ermitteln. Mit Fragen wie dieser: "In den siebziger Jahren gab es pro Jahr 50 bis 60 Sexualmorde in Deutschland – wie viele, glauben Sie, sind es heute?" Und regelmäßig nennen die Menschen eine Zahl, die höher liegt. Tatsächlich aber ist die Zahl dieser Verbrechen auf zuletzt einstellige Werte zurückgegangen.

Sexualdelikte sind ein Beispiel dafür, wie wenig der medial vermittelte Eindruck mit der Wirklichkeit zu tun hat. Die Berichte nehmen zu, die tatsächliche Zahl der Verbrechen geht kontinuierlich zurück. Das hängt auch mit der Bevölkerungsentwicklung zusammen: "Die Vergreisung der Republik fördert die Innere Sicherheit", sagt Deutschlands prominentester Kriminologe, Christian Pfeiffer.

Für den überproportionalen Rückgang der Gewaltverbrechen hat der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen noch eine weitere Erklärung: Kinder erfahren im Elternhaus weniger Gewalt. Heute sagen 52 Prozent aller Deutschen, sie seien gewaltfrei erzogen worden, vor 20 Jahren waren es nur halb so viele. Eltern dürfen ihre Kinder nicht mehr prügeln, und in der Folge prügeln auch die Heranwachsenden weniger. Und die Menschen greifen seltener zur Waffe: Wurden in den achtziger Jahren noch jährlich etwa 600 Menschen erschossen, sind es heute nur noch 140.

Es gibt jedoch auch Delikte mit anderem Trend: Die Zahl der Wohnungseinbrüche steigt seit einigen Jahren stark an. Pfeiffer führt das auf die Reiseerleichterungen für Menschen aus Osteuropa im Zuge der EU-Erweiterung zurück. Es ist nicht mehr der arme Drogenabhängige, der sich mit einem Einbruch Geld beschaffen will. "Die Diebe wissen, dass in Hamburg von 100 Einbrechern nur einer verurteilt wird", sagt Pfeiffer. "Die schlechte Aufklärungsquote ist geradezu eine Einladung an professionelle Banden."

Und natürlich gibt es heute Delikte, die man vor 40 Jahren noch gar nicht kannte: Die Zahl der Computer- und Internetverbrechen ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Aber von solchen Besonderheiten abgesehen, lebte es sich in Deutschland noch nie so sicher wie heute.