Ewald von Kleist, ein Großer dieser Republik, ist im Alter von 90 gestorben. Er war der Jüngste und Letzte unter den Offizieren des 20. Juli, welche die Ehre der Nation vor Hitler zu retten versuchten. Mit 22 zog er sich im Januar 1944 eine Sprengstoffweste an, um sich und den Führer bei einer Vorführung neuer Uniformen umzubringen. Die "Vorsehung", die Hitler stets für sich reklamierte, vereitelte den Plan. Der Termin, stündlich verschoben, wurde schließlich ganz abgesagt. Im Juli versuchte es Stauffenberg selber; die Bombe explodierte, Hitler überlebte.

Helden – Menschen, die ihr Leben für die hehre Sache riskieren – sind rar geworden in einem Land, das weder Krieg noch Tyrannei kennt. Im Rückblick erschauert, wer diese Szenen im Leben des 22-Jährigen vor seinem geistigen Auge durchspielt. Als Stauffenberg ihm das Selbstmordkommando antrug, erbat sich Kleist einen Tag Bedenkzeit und fuhr nach Berlin, zu seinem Vater. Der wollte von ihm wissen: "Warum bist du schon wieder hier?" Kleist erklärte es, und der Vater antwortete kühl: "Ja, das musst du tun. Wer in einem solchen Moment versagt, wird nie wieder froh in seinem Leben."

Jahre später erinnerte sich Kleist: "Ich war mir ziemlich sicher, dass er Nein sagen würde" – was ein Sohn eigentlich von seinem Vater hätte erwarten dürfen. Offensichtlich nicht im alten Preußen, offensichtlich nicht in einer Offizierskaste, die Ehre und Selbstaufopferung höher bewertete als das bürgerliche Glück. Glück allerdings hatte Kleist viel. Im Widerstand wurden Tausende ermordet, er selber überlebte KZ und Ostfront.

Es war ein Glück auch für die junge Bundesrepublik. Dieses Land wollte mit Wehr und Waffen nichts mehr zu tun haben; man erinnere sich an die Massenproteste gegen Wiederbewaffnung und Nato-Beitritt. Erneut zeigte Kleist Mut im Widerstand, diesmal gegen den Zeitgeist. Er focht für die Bundeswehr und gegen die einseitige Abrüstung. In die Geschichte aber ist er 1963 mit der Gründung der "Wehrkunde"-Tagung in München eingegangen, die er später – weniger martialisch und archaisch – in "Konferenz für Sicherheitspolitik" umbenannte.

Heute ist vergessen, dass die Bundesrepublik anno 1963 noch längst kein rehabilitiertes, respektiertes Land war. Doch Kleist holte die westliche Welt zum "Familientreff" nach München: Kanzler, Minister und Präsidenten. Es war ein alljährliches Seminar über Sicherheits- und Bündnispolitik, Abschreckung und Entspannung – informell genug, um offen zu streiten, aber wichtig genug, um die großen Macher und Denker in die Faschingshochburg des Regina-Hotels zu locken. Und Kleist als Ein-Mann-"Außenamt" mittendrin, aber nie im Vordergrund; dagegen stand seine "preußisch-arrogante Bescheidenheit" (so eine Bewunderin). Als er 1998 vom Vorsitz zurücktrat, gaben ihm acht Nato-Verteidigungsminister die Ehre, von einem halben Dutzend Orden ganz zu schweigen.

Die Jungen würden ihn heute "cool" nennen: einen Mann von höchster Intelligenz und feinster Ironie, von unaufdringlicher Weisheit und staubtrockenem Witz. Die Aura des Widerstandskämpfers hat er so gescheut wie den Ruhm des (ungesalbten) Staatsmannes. Oder ganz altmodisch: Er hatte Charakter. Der Zufall, der ihm 1944 das Leben rettete, war ein Glücksfall für die Republik.