An dem Abend, an dem die EU Vernunft und Einsicht fordert, wählen die Zyprer die Unvernunft, mit vollem Risiko. Sie sind glücklich darüber, zumindest an diesem Abend vor dem Parlament in Nikosia. Als das Nein der Abgeordneten zum EU-Rettungspaket die dicht gedrängte Masse vor dem Abgeordnetenhaus erreicht, brechen Jubel und Gesang aus.

Fahnen wehen, zyprische, dazu spanische, portugiesische, griechische. Und besonders viele russische. Die Flaggen zeigen, mit wem sich die Demonstranten solidarisch fühlen. Es sind keine Radaubrüder, sondern Bürger gekommen: Sparer, Krawattenträger, Studenten, Mütter, Kinder, Lebensversicherungsinhaber. "Sagt Nein, um unserer Würde willen!" stand auf den Plakaten. Die Abgeordneten hörten auf ihr Wahlvolk. Es ist ein Sieg der Demokratie, aber eine Niederlage des Rettens nach bekanntem EU-Muster.

Drei Jahre sind vergangen, seit die Euro-Retter das erste Hilfsprogramm beschlossen haben, damals, im Mai 2010, für Griechenland. In der Zwischenzeit haben sie vieles erlebt: dramatische Verhandlungsnächte; Entscheidungen im frühen Morgengrauen; wütende Proteste, Beleidigungen, Beschimpfungen; auch Parlamentsabstimmungen, die mehrmals verschoben werden mussten. Doch das Nein aus Nikosia ist eine Premiere.

Zum ersten Mal hat das Parlament eines Mitgliedslandes es gewagt, die Bedingungen aus Brüssel rundheraus abzulehnen. Und das nicht nur knapp, sondern mit großer Mehrheit. Kein einziger der 58 Abgeordneten stimmte für das Rettungsprogramm. Sogar die Regierungspartei von Präsident Nikos Anastasiadis enthielt sich.

Zypern stellt damit die Rettungsgrundsätze der EU infrage, die EU wiederum greift Zyperns Geschäftsmodell als Steueroase an. Zypern und die EU – passt das noch zusammen?

Vieles deutet am Abend der Ablehnung darauf hin, dass die Zyprer erst einmal weiterverhandeln. Möglicherweise wird das Parlament erneut abstimmen. Für die Euro-Länder stellt sich die Frage, ob sie das beschlossene Hilfsprogramm noch einmal aufschnüren und damit einen Präzedenzfall schaffen wollen. Oder ob sie unnachgiebig bleiben und möglicherweise eine Entwicklung befördern, die sie eigentlich um jeden Preis vermeiden wollten: das Ausscheiden eines Landes aus dem gemeinsamen Währungsverbund.

Es erstaunt, dass die Euro-Krise ausgerechnet in Zypern neu aufflammt, einem kleinen Land mit nicht einmal 800000 Einwohnern. Die Summen, über die am vergangenen Freitag in Brüssel verhandelt wurde, sind überschaubar. Insgesamt geht es um 17 Milliarden Euro. Für die Insel eine unvorstellbare Geldmenge, aber gemessen an den Beträgen, die für die Rettung anderer Krisenstaaten bewegt wurden, eher ein Klacks. Sogar das Rettungspaket für Portugal umfasst mit 78 Milliarden Euro ein Vielfaches.