Vor zwanzig Jahren hat mich die Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW) eingeladen, einen Vortrag über Geld und Geist zu halten. Ich habe die These vertreten, Geld sei Geist, ja, Geld sei geradezu eine der wichtigsten und originellsten Schöpfungen des Geistes. Mit etwas Galgenhumor könnte man heute behaupten, dass, wenn die Zentralbanken mit dem exzessiven Drucken von Banknoten fortfahren, in der nicht zu weit entfernten Zukunft Geld nur noch aus Geist bestehen wird.

Der "Zürcher Appell für die Wahrung der wissenschaftlichen Unabhängigkeit" von 27 Intellektuellen und die folgenden Artikel, die in der ZEIT publiziert worden sind, haben mir das Thema wieder in Erinnerung gerufen – wie auch die berühmten Seiten von Schumpeter in Capitalism, Socialism and Democracy über die schwierigen Beziehungen und die Gegensätze zwischen den kritischen Intellektuellen und dem Kapitalismus.

Anfangs des letzten Jahrtausends ist die starre und geschlossene dreigeteilte Gesellschaft aus oratores (Priestern, den damaligen Intellektuellen), bellatores (Adeligen und Soldaten) und laboratores (meistens Bauern) von einer neu erschienenen, eigenartigen Figur gesprengt worden: dem mercator , dem Händler. Er produzierte nichts und akzeptierte nicht, dass das Lebensschicksal von Geburt an bestimmt sei. Die Kleriker, also die Intellektuellen, waren von dieser neuen Erscheinung, die ihre Macht infrage stellte, nicht erfreut. Die Reibereien und die Feindseligkeiten zwischen diesen zwei Gesellschaftsgruppen sind also schon über tausend Jahre alt.

Auch unsere moderne Gesellschaft ist in drei Sparten unterteilt: die Politik, die Intellektuellen und die Wirtschaft. So beschreibt es der amerikanische Soziologe Daniel Bell in seinem wichtigsten Werk The Cultural Contradictions of Capitalism. Die Vertreter der verschiedenen Sparten gehorchen verschiedenen Logiken, folgen anderen Maßstäben und Zielen. Die Gegensätze liegen also in der Natur der Gegebenheiten.

Letztendlich sind Geld und Geist, Kapitalisten und Intellektuelle zum ewigen Streit verdammt. Kein Wunder, auch die Harmonie besteht aus dissonanten Noten, der Fortschritt entspringt nicht der Monotonie, der pensiero unico bringt nichts als Stagnation.

Debatten und Gegensätze – seid willkommen! Schon viel ist über den "Zürcher Appell" geschrieben worden, und ich möchte nicht wiederholen, was andere gesagt haben. Nur zwei Bemerkungen: Ich habe den Eindruck, man vermutet bei den Intellektuellen eine gewisse Schwäche gegenüber ihren Geldgebern. Als seien sie nicht fähig, in jedem Moment Nein zu sagen. Darin liegt die Unabhängigkeit, die Würde der Intellektuellen. Ich sehe gleichzeitig in den oberen Etagen der Großunternehmen keinen Goebbels oder Schdanow. (Für die Jüngeren unter meiner Leserschaft: Das war ein Adlatus von Genosse Stalin.) Nein, das Geld der Wirtschaft kann einem seiner Aufgabe würdigen Intellektuellen die Waffe des Neins nicht entziehen.

Besorgt bin ich über die Tendenz, zu viel vom Staat zu erwarten; ohne einigen der Intellektuellen, die den Appell unterschrieben haben, das Recht auf ihre Ideologie abzusprechen. Auch die Menschen, die den Staat vertreten, haben ihre Schwächen, ihre Ambitionen. Die abstrusen, unwissenschaftlichen Thesen von Lyssenko, des Biologen von Stalins Gnaden, dominierten jahrelang – dank dem Staat.

Wer sollte bei diesem ewigen Streit gewinnen? Ich als Kapitalist hoffe inbrünstig: niemand. Denn nichts ist gefährlicher als die Hegemonie einer der Streithähne. Nicht Politik, Intellektuelle oder Wirtschaft darf gewinnen. Im Gegenteil: Es lebe der Wettbewerb im Interesse des Fortschrittes.