Die Zeit war knapp. Rechtzeitig zum Beginn der Karwoche wollte er seine Ostergrüße übermitteln. Deshalb durfte Manfred Deix einfach nicht zuwarten, bis weißer Rauch aus der Sixtina qualmte.

Während das Kardinalkollegium sich gerade in das Konklave zurückzog und um den Beistand des Heiligen Geistes bei der Wahl des künftigen Oberhirten betete, ließ der respektloseste Zeichner des Landes seiner Fantasie freien Lauf. Vielleicht wäre Hubertus XIII., der schlankeste Papst der Kirchengeschichte, der richtige Nachfolger auf dem Stuhl Petri, die Zeiten sind ja dementsprechend.

Wären aber anderseits, da die vatikanische Autorität wankt, nicht energische Figuren wie Gregor der Grantige oder Rudolf der Ruppige vorzuziehen? Leider hatten die Kardinäle keine Gelegenheit, noch rasch einen Blick auf den Zeichenblock ihres irdischen Ratgebers zu werfen. Wer weiß, wie die Wahl ausgefallen wäre. Ein argentinischer Papa Tango befindet sich jedenfalls nicht auf der Vorschlagsliste. Doch ein Heiliger Vater, der direkt aus einer feurigen Milonga kommt, das wäre ganz nach der Vorstellung des apostolischen Grafikers.

Gewiss, Manfred Deix, dem höchstens seine Frau, seine Katzen und der Surfrock der Beach Boys heilig sind, beseelt ein ketzerischer Geist. Seit je zählt das Kirchenleben zu seinen bevorzugten Themen. Schon im zarten Ministrantenalter von elf Jahren strichelte der Knirps aus Böheimkirchen eine Comicstrip-Serie für die Niederösterreichische Kirchenzeitung. Das war sicherlich das letzte Mal, dass er fromme Bilder schuf. Zweifelsfrei zieht sich eine blasphemische Spur durch das Werk des 64-jährigen Künstlers.

Auf den 70 Zeichnungen dieses illustrierten Katechismus, der neusten Sammlung aus der Mappe eines großen Spötters, wird nahezu jeder Aspekt des katholischen Kulturkreises behandelt. Deix, der gut auch als Modeberater sowohl des hohen wie des niederen Klerus vorstellbar ist, entwirft ein ums andere Mal das Bild einer tabulosen und vorurteilslosen Kirche, die sich endlich zu dem bekennt, was in ihr steckt. Sie ist bevölkert von verliebten Priestern, frommen Frauen, die nach Erfüllung dürstet, Schaumschlägern in Soutane, falschen Heiligen und einem "Wir sind Kirche"-Volk, das sich eine zeitgerechte Glaubenswelt ertrotzt hat, die keine Dogmen, aber sehr viel erotischen Schabernack kennt.

Man kann in Manfred Deix auch einen fünften Evangelisten sehen, der nicht davor zurückscheut, seinen alternativen Blick auf das Neue Testament zu veranschaulichen. Da zerstört ein uneinsichtiger Vater das Idyll seines Sohnes, weil er lieber einen Messias in der Familie haben will. Kurz wandelt noch der heilige Trinker durch die Weingärten des Herrn und lässt keinen Kelch an sich vorübergehen. Doch alsbald stapft der Heiland, ein Terminator der Erlösung, muskelbepackt wie Arnold Schwarzenegger, nach Golgota. Dort stellt sich heraus, dass Jesus Christus "ein Mensch wie du und ich" gewesen sein muss. Am Ende seines Kreuzweges seufzt er nicht, wie überliefert, "Es ist vollbracht". Sondern er ruft, ebenso wie die beiden armen Kerle rechts und links von ihm: "Auu!" Vorsichtshalber fügt der Verkündiger der neuen Heilsbotschaft hinzu, dass er solche ketzerischen Vorstellungen für "eine Infamie sondergleichen" hält.

Deix beginnt seinen biblischen Zyklus allerdings ganz am Anfang, bei den ersten Fehlversuchen der Schöpfung, die der Allmächtige erst verwarf, als er endlich zu der "vereinfachten Kugelform" der Erde gefunden hatte. Es kann kein Zufall sein, dass der Planet in einem dieser "Testexemplare" frappant von der Form des männlichen Genitals inspiriert ist. Es ist schließlich jenes Organ, das bis heute der Kirche nicht erlaubt, zur Ruhe zu kommen.

Die Sexualität ist, glaubt man Deix, eindeutig die dominierende Konstante im Kirchenjahr. Es wird daher unvermeidlich sein, dass eines Tages auch Frauen in den Pfarrhaushalt einziehen und die zermürbten Seelsorger zärtlich verwöhnen. Bei Deix unterscheiden sich die Szenen priesterlicher Ehen durch nichts vom üblichen Beziehungsstress, und auch die klerikalen Paare gleichen seinen üppigen Urformen des österreichischen Wesens. Nur in einem ist Manfred Deix seiner Zeit weit voraus. Er sieht bereits eine Heilige Mutter auf dem Stuhl des Menschenfischers. Habemus Matrem!