Unten liegt Ascona: Das Klima ist mild, die Feriengäste sind reich. Auf der Seepromenade flanieren schläfrige Hunde. Oben liegt der Monte Verità, der Berg, auf den vor hundert Jahren Menschen zogen, um alternative Lebensformen auszuprobieren. Man aß vegetarisch oder fastete, manche übten sich im Ausdruckstanz. Viele, die kamen, wurden später berühmt: Hermann Hesse, Else Lasker-Schüler, Hans Arp oder Walter Gropius. Jetzt fand auf dem legendären Berg vergangenes Wochenende zum ersten Mal das Literaturfestival Utopien und herrliche Obsessionen statt, wobei die längst Berühmten und Geehrten zu Wort kamen.

Bei der Eröffnung des von Irene Bignardi, Paolo Mauri und Joachim Sartorius geleiteten Festivals spricht Claudio Magris von den großen Utopien des 20. Jahrhunderts, die in der Umsetzung scheiterten, deren Ideale aber später an Kraft gewannen, gerade weil sie von der Vergötterung befreit wurden. Hans Magnus Enzensberger läuft gut gelaunt durch den Garten des Tagungszentrums. Er ist hier, um über Triumphe und Misserfolge zu sprechen. "Manche von meinen Flops waren gar nicht so schlecht", sagt er und schwebt heiter weiter. Christian Kracht liest aus seinem Aussteigerroman Imperium, der Großteil der Zuhörer ist in bestem Studiosus-Alter.

Peter Sloterdijk wiederum erklärt in einem Hotel am See, wie Utopien in die Wirklichkeit eindringen. Er erzählt es am Beispiel der Madame de Pompadour, die bereits als Kind das Herz des Königs von Frankreich erobern wollte: "In einer Ballnacht des Jahres 1745 lässt sich ein König eine junge Frau vorstellen, und sie dringt durch seine Pupille ein ins Innerste der Macht." Allerdings: "Es ist anstrengend, einen melancholischen König bei Laune zu halten." Und dann ist zu hören, dass der 83-jährige Hans Magnus Enzensberger von Ascona aus den Berg hinaufgelaufen sei. Alle anderen fahren Auto. Eine Sensation bei den Festivalgästen. Zu Fuß! Eins ist gewiss: Der Monte Verità taugt zur Legendenbildung. Manche Utopien enden in der Schweiz. Und gute Ideen nehmen hier ihren Anfang.