Bei den Taliban gelten die afghanischen Mitarbeiter der Deutschen als Verräter, manche von ihnen haben bereits Morddrohungen erhalten (ZEIT Nr. 7/13). Sie fürchten, dass sich ihre Lage verschlechtern könnte, wenn die Bundeswehr Ende 2014 den größten Teil ihrer Truppen vom Hindukusch abzieht. Viele von ihnen hoffen auf Zuflucht in Deutschland.

Doch noch immer unternimmt die Politik wenig, um die knapp 2000 Helfer zu schützen. "Es soll nicht der Eindruck entstehen, die Bundesregierung interessiere sich nicht für das Problem", sagt ein Sprecher des Innenministeriums, "wir sind nur nicht hauptverantwortlich." Jedes Ministerium, das sich am Einsatz beteiligt, hat einen Ressortbeauftragten benannt, der vorschlägt, was mit den jeweiligen Mitarbeitern geschehen soll. Nur wenn deren Leben weit über das "allgemeine Gefährdungspotenzial in Afghanistan" hinaus bedroht sei, komme "voraussichtlich" eine Aufnahme "in Betracht".

In einem Land, in dem jedes Jahr Hunderte Menschen bei Anschlägen getötet werden, kann man mit solchen Kriterien theoretisch jeden Antrag verweigern. Wie also legen die Verantwortlichen diese Richtlinien aus? Eine Anfrage für ein Gespräch mit dem jeweiligen Ressortbeauftragten lehnen alle vier Ministerien ab. Der Sprecher des Entwicklungsministeriums (BMZ) will nicht einmal telefonieren. In einer E-Mail schreibt er, die Frage, was mit den afghanischen Mitarbeitern geschehe, sei "sehr global" und lasse sich "nicht sachgerecht" beantworten. Wir fragen weniger global: "Weiß das BMZ von afghanischen Mitarbeitern, die Morddrohungen erhalten? Was passiert mit ihnen?" Er antwortet: "Zu den aufgeworfenen Fragen liegen mir leider keine Informationen vor, die ich Ihnen mitteilen kann." Verteidigungsministerium und Auswärtiges Amt verweisen auf das "federführende" Innenministerium.

Falls Menschen bedroht würden, sagte Thomas de Maizière Ende November, "nur weil sie für uns gearbeitet haben", müsse ihnen eine Zukunft in Deutschland ermöglicht werden. Aktuell gebe die Sicherheitslage dazu aber keinen Anlass. In deutschen Ohren klang der Satz des Verteidigungsministers höchstens wie ein vages Zugeständnis – andere Länder haben längst eigene Aufnahmeprogramme für ihre Mitarbeiter entwickelt. Doch für afghanische Politiker war der Satz ein Affront; er klang geradezu wie eine Aufforderung, Afghanistan zu verlassen. Prompt schickte die Botschaft in Berlin eine E-Mail ans deutsche Verteidigungsministerium, man möge derartige Zusagen künftig unterlassen. "Ich bin mir sicher, dass Thomas de Maizière es nicht so gemeint hat", sagt ein afghanischer Diplomat der ZEIT. "Das war bestimmt nur ein Ausrutscher." Zwar liege auch ihm viel daran, dass ernsthaft bedrohte Mitarbeiter nach Deutschland dürften. Aber man könne das eben nicht öffentlich sagen, es klinge ja wie ein Hilferuf.

Aus diplomatischer Sicht mögen die leisen Töne deutscher Politiker also vernünftig sein. Aber ob sie in dieser Lautstärke auch zu den Ortskräften durchdringen? Beim Verteidigungsministerium hatten sich Ende Februar zehn seiner rund 1350 afghanischen Mitarbeiter gemeldet, beim Innenministerium zwei; beim Auswärtigen Amt und beim Entwicklungsministerium kein einziger. Das kann bedeuten, dass sich nur wenige bedroht fühlen. Es kann aber auch heißen, dass kaum einer von der Arbeit der Ressortbeauftragten weiß. "Gefährdete Dolmetscher werden nicht informiert, an wen sie sich mit ihrer konkreten Bitte um Schutz wenden können", kritisiert die Organisation Pro Asyl. Die Sprecher der Ministerien behaupten das Gegenteil.

"Es wäre nicht einmal ein neues Aufnahmeprogramm nötig", sagt Rechtsanwalt Victor Pfaff von Pro Asyl. Das Innenministerium könnte gemäß Paragraf 22, Satz 2 des Aufenthaltsgesetzes die Einreise zur "Wahrung politischer Interessen" erlauben. Ohne die afghanischen Mitarbeiter hätte Deutschland das Mandat gar nicht ausführen können, sagt Pfaff. Und als Arbeitgeber habe die Bundesregierung eine Fürsorgepflicht, "aufgrund der Gefährdung sogar eine Garantenstellung". Die gelte selbst dann noch, wenn die Afghanen nicht mehr für Deutschland arbeiten. Doch das Innenministerium wendet den Paragrafen nicht an. "Es ist fraglich, ob das jetzige Verfahren der Ministerien flexibel genug ist, um rasch und effektiv Hilfe zu gewähren", sagt Pfaff. Deshalb will er jetzt afghanischen Mitarbeitern helfen, selbst ein Visum für Deutschland zu beantragen.