Gutmensch, politisch Korrekter, Zyniker – das sind noch die freundlicheren Etiketten, die dem Künstler Santiago Sierra üblicherweise angeklebt werden. Als das spanische Provokationsgenie vor Jahren die hannoverische Kestnergesellschaft von oben bis unten mit Schlamm vollkippte, verbündete sich Bild mit dem gesunden Volksempfinden und fragte, ob dieser "Dreck noch Kunst ist". Später verfiel Sierra auf die irre Idee, Autoabgase in eine ehemalige Synagoge in Stommeln bei Köln zu leiten und Besucher mit der Gasmaske durch den Raum zu führen. Die Empörung war zu Recht groß, Sierra musste seinen "Protest gegen den Missbrauch des Holocaustgedenkens" abbrechen. In Deutschland, so schien es, sollte er sich besser nicht mehr blicken lassen.

Nun ist Sierra, 1966 in Madrid geboren, zurück. Die Kunsthalle Tübingen zeigt in Zusammenarbeit mit der Sammlung Falckenberg ausgewählte Performances und kaum bekanntes Film- und Bildmaterial aus seinen frühen Hamburger Studienjahren (bis zum 16. Juni; die Aktion in Stommeln findet sich nicht darunter). Nachgestellt ist die berüchtigte Balkenaktion, bei der Sierra politische Flüchtlinge bat, ein Monstrum aus Holz und Dachpappe stundenlang auf ihren Schultern abzustützen – sinnlos, idiotisch, stumpfsinnig. Dazwischen, man läuft fast dran vorbei, hängt Sierras Türschild, das Bettlern, Alkoholikern, Hausfrauen und Verrückten den Zutritt verbietet. Außerdem Menschen ohne Kreditkarte, ohne Bankkonto, ohne Englischkenntnisse und all jenen, die "den Interessen der EU schaden wollen". Das "Herzstück" der Ausstellung allerdings sind zentnerweise menschliche Exkremente; sie wurden unter der Sonne getrocknet, mit Bindemittel zu einer formbaren plastischen Masse verarbeitet und in 21 sarggroßen Modulen nebeneinander aufgestellt. Die Fäkalien stammen aus Neu-Delhi, eingesammelt von indischen Latrinenarbeitern, jenen infam ausgebeuteten "Unberührbaren", denen Sierra hier ein monumentales Zeichen setzt.

Die Schwäche der Tübinger Werkschau besteht darin, dass sie solche Werke aus ihrem lokalen Kontext löst und ihren Skandalgehalt musealisiert. Die Parole KLASSENKAMPF, von Sierra in Großbuchstaben in einer ehemaligen Kirche in Lucca aufgestellt, mag in christkatholischen Kreisen anstößig sein; über den Dächern Tübingens wirkt sie wie ein schaler Gruß an die Occupy-Bewegung. Auch das Haus aus Schlamm verkleckert ortlos; der Besucher versteht die Aktion nur, wenn er den Beitext liest. Sierra hatte sie 2005 mit Blick auf den hannoverischen Maschsee konzipiert, genauer: auf eine nationalsozialistische Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, bei der 1.650 "Notstandsarbeiter" gezwungen wurden, für 64 Pfennig Stundenlohn 780.000 Kubikmeter braunen Morast zu bewegen – nur mit der Schaufel.

Aber vielleicht kommt es der Tübinger Ausstellung ohnehin nicht auf die Provokation an, sondern darauf, zu zeigen, welche Gedanken und Affekte ihr zugrunde liegen. Schon als Student war Sierra von der erhabenen Lakonie der minimalistischen Ästhetik fasziniert, selten habe er Schöneres gesehen als die Werke von Donald Judd oder Sol LeWitt. Dann fällt der entscheidende Satz: Wenn die Minimal Art zum "Wesen der produzierten Gegenstände vordringen" wolle, dann verstehe er nicht, "warum sie der Weg zum Quader führte". Sierra warf seinen Kollegen vor, sie schüfen Werke "für eine perfekte Welt". Doch die Welt sei nicht perfekt, sie sei kapitalistisch, und darin gebe es nun einmal keine unschuldigen Dinge. Jedes Ding sei aus der Ausbeutung menschlicher Arbeit entstanden und diene einzig und allein dazu, die Wirtschaft am Laufen zu halten.