Hektik ist auf der waldumsäumten Schillerhöhe in Gerlingen bei Stuttgart nicht üblich. Dort, wo die Spitzen des Technologiekonzerns Bosch residieren, mit seinen mehr als 300.000 Mitarbeitern weltweit, geht es normalerweise wohlgeordnet zu – man denkt langfristig und handelt zukunftsorientiert.

Doch bisweilen kommt gehörig Unruhe in das 1886 gegründete Unternehmen. Vergangenen Freitag wartete die Bosch-Geschäftsführung mit zwei überraschenden Nachrichten auf: Die Bosch-Gruppe will sich von ihrem 2008 mit großen Erwartungen gestarteten Geschäftsbereich Photovoltaik trennen, was 3000 Menschen den Arbeitsplatz kosten könnte. Und wenige Stunden später wurde auch noch der Abgang des langjährigen Chefs des Unternehmensbereichs Kfz-Technik, Bernd Bohr, 56, verkündet. Die Autozuliefersparte steht für rund 60 Prozent des Umsatzes und für den größten Teil der Gewinne der Schwaben. Ein kompletter Umbau des Managements in diesem Segment soll nun die Zukunft der wichtigsten Bosch-Sparte absichern.

Den Abschied von der vermeintlich zukunftsträchtigen Photovoltaik verkündete Volkmar Denner. Der Vorsitzende der Geschäftsführung der Robert Bosch GmbH, ein Mikroelektronikspezialist, ist noch nicht mal ein Jahr im Amt. Seine Berufung als Nachfolger von Franz Fehrenbach kam damals überraschend, galt doch Bernd Bohr als Chef der trotz aller Diversifizierungsanstrengungen dominierenden Kfz-Sparte als logischer Nachfolger.

Eine Million Verlust durch das Solargeschäft habe man allein im Jahr 2012 verkraften müssen, erklärte Denner nun, der aufsummierte Verlust seit dem Einstieg im Jahr 2008 belaufe sich gar auf 2,4 Milliarden Euro – ohne die Kosten für den Ausstieg. "Verluste in dieser Größenordnung können aber auch wir uns nicht über einen größeren Zeitraum leisten", räumte der neue Bosch-Chef ein. Trotz eines Umsatzes von gut 52 Milliarden Euro und traditionell hoher Rücklagen.

Aber Denner musste sich mit den schlechten Neuigkeiten nicht alleine vorwagen. Traditionell pflegen die Geschäftsführung und ihre Aufseher von der Kapitalseite enge Tuchfühlung auf der Schillerhöhe. So unterstützt sein Vorgänger Franz Fehrenbach (siehe Interview) die Entscheidung "voll und ganz". So wie es bei Bosch Tradition ist, wechselte dieser aus der Geschäftsführung direkt in die Position des Aufsichtsratsvorsitzenden, und er führt als persönlich haftender Gesellschafter auch das eigentliche Machtzentrum des Konzerns, die Robert Bosch Industrietreuhand KG, welche die Eigentümerinteressen der gemeinnützigen Bosch Stiftung vertritt. Dieser gehören 92 Prozent der Unternehmensanteile.

Fehrenbach hatte sich noch im April vergangenen Jahres bei seiner letzten Bilanzvorlage zum Solar-Engagement bekannt. Damals gingen die Boschler noch davon aus, dass sie sich durch technologische Verbesserungen gegen den massiven Druck der weltweiten Überkapazitäten wehren könnten. Offenbar eine falsche Hoffnung.

Kritik am mangelnden Durchhaltevermögen kommt jetzt aus der IG Metall, aber auch aus der Politik. So fühlt sich etwa Christine Lieberknecht, die Ministerpräsidentin Thüringens, zu spät über die Entscheidung informiert. Im dortigen Arnstadt liegt das größte Bosch-Solarwerk. Da sich Bosch als Unternehmen geriert, das die Verantwortung für seine Mitarbeiter besonders hochhält, dürfte es in naher Zukunft da noch einige Diskussionen geben.

Ob die Geschäfte bei der für die Bosch-Gruppe zentralen Kfz-Sparte so gedeihlich laufen, wie Aufsichtsratschef Fehrenbach beteuert, wird sich unter anderem bei der Vorlage der Details der Bilanz 2012 Mitte April zeigen.

Branchenexperte Ferdinand Dudenhöffer, Direktor des CAR Center Automotive Research an der Uni Duisburg-Essen, jedenfalls hat sich die Entwicklung der beiden größten deutschen Automobilzulieferkonzerne Bosch und Continental aus Hannover seit 2009 näher angeschaut. Bosch war zuletzt weltweit die Nummer eins der Branche, Conti hat es mittlerweile schon auf die dritte Position geschafft. "Conti rückt Bosch immer stärker auf die Pelle", stellt Dudenhöffer fest. Bei Einspritzsystemen für Benzin- oder Dieselmotoren in Pkw oder elektronischen Anti-Schleuder-Systemen (ESP) hätten die Hannoveraner die Schwaben mengenmäßig ein- oder sogar überholt, so seine Analyse.

Volkmar Denner, der auch berufen wurde, um Bosch schneller und flexibler für die Herausforderungen im Internetzeitalter zu machen, wird also auch seinen Kollegen in den angestammten Geschäften einiges abverlangen müssen. Denn Hiobsbotschaften wie bei der Solarenergie, das merkt man ihm wie auch Aufseher Fehrenbach deutlich an, will man auf der Schillerhöhe so schnell nicht wieder verkünden.