In dieser Geschichte scheint wieder einmal alles zu passen. Der Tatort, das Delikt, die Täter. Dreimal Osten. Dreimal Versagen. Mehr geht nicht. Ist damit alles bereits gesagt?

Im Mai 2012 beschwerte sich der Potsdamer Regierungssprecher Thomas Braune telefonisch über einen unliebsamen Beitrag im RBB-Fernsehen bei dessen Chefredakteur Christoph Singelnstein. Danach wurde eine Sequenz mit einem unwirschen Premier Matthias Platzeck (SPD) aus dem Beitrag getilgt.

Kein Zweifel, Potsdam liegt in Brandenburg. Und richtig ist auch: Alle drei handelnden Personen dieser Medienposse sind im Osten sozialisiert, wo es bis 1989 keine freie Presse gab. Macht es den skandalösen Vorgang deshalb zu einer typischen Ost-Geschichte, wie es landauf, landab in bissigen Kommentaren heißt?

Wohl kaum. Sonst ließe sich mit gleichem Recht auch das Gegenteil behaupten: Seitdem es in der Staatskanzlei an der Havel genauso wie in jener an der Isar zugeht – man denke nur an das zerknirschte Gesicht eines Horst Seehofer, als er aus ähnlichem Anlass von seinem Sprecher in Erklärungsnot gebracht wurde –, ist zusammengewachsen, was zusammengehört.

Die Affäre in Potsdam, ohnehin nur ein Abfallprodukt eines viel größeren Desasters namens BER, reiht sich ein in eine schier endlose Kette der aufgeflogenen und der sicherlich noch viel größeren Zahl der geglückten Versuche der Politik, Einfluss zu nehmen auf unliebsame Berichterstattung. Ein Angriff, der täglich läuft und zu dessen Erklärung es eines Rückgriffs auf Verhaltensmuster aus DDR-Zeiten nicht bedarf. Ob jemand anständig ist oder nicht, das entscheidet nicht ein früherer Studienplatz in Leipzig oder Mainz, sondern sein heutiges Verhalten.

Man kann allenfalls wehmütig bemerken, dass die Ostdeutschen nach ihrem couragierten Aufbruch im Wendeherbst viel zu schnell nüchternem Pragmatismus erlegen sind. Nur ein Tor wünschte sich das Alte zurück. Doch auch das Neue erwies sich in vielerlei Hinsicht als unvollkommen. Medien sind da keine Ausnahme. Ob Platzeck oder Seehofer, Tillich oder Lafontaine – es wird gerangelt und gedroht, mit Vorliebe, wenn es um gefällige Bilder in den Öffentlich-Rechtlichen geht. "Die Gremien" in den Rundfunkräten dienen beim Domestizieren der führenden Journalisten als Handlanger. Die geben den Druck nach unten weiter. Wo es nicht solche "Gremien" gibt, wie bei der Presse, läuft es über die Eigner oder das Verlagsmanagement. Der Gründe für eine "Gefälligkeit" gibt es viele: das gleiche Parteibuch, die Mitgliedschaft bei Rotary oder, wer das nicht schafft, im Elferrat. Ob Schwarz, ob Rot, es macht keinen Unterschied. In Brandenburg rief seinerzeit ein Herausgeber in den Chefredaktionen anderer Zeitungen an: Ob man nicht gemeinsam etwas für Helmut Kohls Wiederwahl 1998 tun könne? Das Ende ist bekannt, Kohl verlor die Wahl. Es erübrigt sich der Hinweis, dass der Verlagsmanager kein systemgeschädigter Ossi war, sondern aus dem tiefen Westen kam.

In Thüringen wechselte ein Fernsehmann (West) aus dem örtlichen Funkhaus auf den Posten des Regierungssprechers. Prompt folgte ein Anruf beim Chefredakteur der größten Zeitung am Platz, verbunden mit der Aufforderung nach einer genehmeren Berichterstattung. Das Telefon schützte ihn. In der Redaktion hätte man ihn gleich rausgeworfen.

Schwerer wird es, wenn die "fünfte Kolonne" im eigenen Haus sitzt. Ein, nun sagen wir es diplomatisch, nicht sehr erfolgreicher Chefredakteur (aus dem Westen) wechselte auf einen besser dotierten Posten als Geschäftsführer (im Osten). Ob das passende Parteibuch dabei behilflich war, sei dahingestellt. Auf jeden Fall wollte er einen Parteifreund mit Aussichten auf einen Ministerposten drei Tage vor der Wahl prominent in der Zeitung platzieren. Als ihm freundlich, aber bestimmt durch die Chefredaktion abgesagt wurde, reagierte er verärgert. Die Rechnung wurde Wochen später präsentiert. Alles nur Einzelfälle? Nein, Alltag! Nicht nur im Osten.

Ein Blick auf die Urteile des Presserats zeigt, dass selbst in Redaktionen, die journalistische Standards hochhalten, oft genug ohne Gegenwehr die Brandmauern fallen. Wer schon einmal die mitleiderregende Rechtfertigung eines verantwortlichen Redakteurs lesen musste, in der dieser wortreich zu erklären versucht, warum eine offensichtlich bezahlte Anzeigenbeilage als redaktioneller Text ausgegeben wurde, der weiß, wie weit die Erosion längst gediehen ist.

Alles halb so schlimm, das bisschen Lesertäuschung! Ist doch nur eine lässliche Sünde mit Anzeigen, nichts Politisches. Was regen Sie sich überhaupt so auf, junger Mann? Wer das sagt, hat noch nie einen Autohändler auf dem Kriegspfad, in Wahlkampfzeiten, erlebt. Wenn es darum geht, wer neuer Innenminister wird und bei wem künftig die Dienstwagen für die Polizei bestellt werden. Nicht nur zwei, drei oder zehn Fahrzeuge; nein, Hunderte. Dieser Mann ist für eine Zeitung mit seinen Anzeigen wie die Santander Bank für den Euro: systemrelevant. Da wird schon mal der Kopf eines unliebsamen Redakteurs gefordert. Der des Chefredakteurs sowieso.

Wer hier Ost-West-Unterschiede sucht, wird auch mit einer Lupe nichts finden. Hier ist die Vereinigung hundertprozentig vollzogen. Auch die Ereignisse in Potsdam geben eine andere Interpretation nicht her. Selbst die eigenartige Nachwende-Melange aus schlechten DDR-Gewohnheiten und fragwürdigen West-Sitten ist längst gemeinsam gelebte deutsch-deutsche Realität. Wenn ganze Redaktionen im Westen über Nacht geschlossenen werden, und die meisten Beobachter zucken nur mit den Schultern, dann ist Osten schon überall. Nur, im Westen haben es viele noch nicht gemerkt.