Niemals vorher und niemals seitdem ist im Deutschen Bundestag so offen und direkt über Sex gesprochen worden. "Wir bewegen uns in einer Gesellschaft", sagt die frisch gewählte Grünen-Abgeordnete Waltraud Schoppe in ihrer Jungfernrede, "die Lebensverhältnisse normiert, auf Einheitsmoden, Einheitswohnungen, Einheitsmeinungen und auch auf eine Einheitsmoral, was dazu geführt hat, dass sich Menschen abends hinlegen und vor dem Einschlafen eine Einheitsübung vollführen, wobei der Mann meist eine fahrlässige Penetration durchführt." Wie bitte? Fahrlässige Penetration?

Da saßen die ersten Unionsabgeordneten schon auf den Kanten ihrer Sitze. "Woher wissen Sie das?", schrie der CDU-Parlamentarier Friedrich Bohl, andere lachten ein wenig zu laut. Waltraud Schoppe hatte einen Kulturschock ausgelöst. Sexualität als Herrschaftsakt – "das lehnen wir mit Empörung und Ekel ab", so Schoppe. Als sie kurz darauf die Strafbarkeit von Vergewaltigung in der Ehe forderte und das Ende des "alltäglichen Sexismus hier im Parlament", da ruderten etliche Unionsabgeordnete mit den Armen und höhnten: "Oho, das Liebesparlament! Bastian und Kelly!"

30 Jahre vor dem Twitter-Aufschrei wegen sexueller Belästigung wurde Waltraud Schoppes Frauenrede nicht nur zu einem feministischen Manifest. Sie präsentierte den Abgeordneten den weiblichen Orgasmus als verheißungsvolle Terra incognita – und markierte damit einen Tabubruch, der genauso zur Geschichte der Grünen gehört wie die Ökologie oder der Pazifismus.

Anlass für Schoppes ersten Auftritt war die Aussprache zur Regierungserklärung des Bundeskanzlers Helmut Kohl. Am 29. März waren die Grünen in den Bundestag eingezogen mit ihren Nadelbäumen und Strickjacken. Man wusste nichts über sie: Waren das verkappte Nazis, Spinner, Terroristen?

Deshalb drehten alle neugierig die Köpfe, als Bundestagspräsident Rainer Barzel das Wort "der Kollegin Waltraud Schoppe" erteilte. Da stand sie dann, mit ihren vollen roten Locken, der tiefen Stimme, den fließenden Kleidern. "Schon der Anblick", erinnert sich Schoppes damaliger Fraktionskollege Hubert Kleinert, "war für viele aus den Altparteien eine Provokation. Es herrschte sofort so eine Atmosphäre von Männerbündelei, Schenkelklopfen und Johlen. Als sie ein paar Minuten geredet hatte, habe ich das Wort ›Hexe‹ gehört." Waltraud Schoppe blickte ruhig in die Runde: "Ich merke, dass ich das Richtige gesagt habe: Sie sind getroffen."

Die Tageszeitungen berichteten in den Tagen darauf von einem "johlenden, grölenden Männermob im Parlament". Auf den letzten Metern ihrer Rede rockte die Novizin aus dem niedersächsischen Bassum das Haus endgültig, als sie forderte, Kanzler Helmut Kohl solle "hier stehen und die Menschen darauf hinweisen, dass es Formen des Liebesspiels gibt, die lustvoll sind und bei denen man nicht schwanger wird". Aber man könne natürlich "nur über das reden, wovon man wenigstens ein bisschen was versteht".

Es war dieser letzte Satz – die auf offener Bühne geäußerte Vermutung, als Liebhaber taugten die meisten der Anwesenden nicht viel –, der das Fass zum Überlaufen brachte. "So was wie Sie hätte man früher verbrannt", soll ein bayerischer CSU-Abgeordneter gezischelt haben. Der damals angeblich angetrunkene FDP-Abgeordnete Detlef Kleinert aus Hannover ging nach Schoppe ans Rednerpult: "Wir sind nicht halb so verklemmt, wie das eben klang." Man sei, im Gegenteil, fröhlich, "in sehr gesunder Weise fröhlich", mache dies aber nicht zum Gegenstand von Parlamentsdebatten. Das Protokoll verzeichnete große Heiterkeit.

Erst 1997 wurde Vergewaltigung in der Ehe strafbar

Nicht nur für Unionsabgeordnete war Waltraud Schoppes Rede eine Provokation. Franz Müntefering, der ihr damals von den SPD-Bänken aus zuhörte, erinnert sich an den Schock in den eigenen Reihen: "So eine offene Sprache, über solche Themen, das waren auch wir nicht gewöhnt. Wir saßen da und waren echt befangen", sagt Müntefering. "Wir kamen doch aus dieser vermieften Adenauer-Republik. Noch in den sechziger Jahren gab es die Aktion ›Saubere Leinwand‹, weil Hildegard Knef drei Sekunden nackt zu sehen war. Unter Willy Brandt hat sich da etwas geöffnet, aber Waltraud Schoppe hatte recht: Da gab es noch eine Menge zu bereden."

Münteferings Parteifreund Peter Conradi geht noch weiter: "Einige von uns waren entsetzt. Die Mehrzahl unserer Abgeordneten waren Gewerkschafter, die kamen mit dem Reden über Penetration und Sensibilität überhaupt nicht zurecht." Mit den Grünen, sagt Conradi, traten der SPD die Leute entgegen, die man unter Helmut Schmidt verloren hatte, die Frauen, Umweltschützer und Pazifisten, die man 1972 unter Willy Brandt noch auf seiner Seite wusste.

Aber auch Mitglieder aus Schoppes eigener Partei rümpften die Nase. Otto Schily, damals noch Grünen-Abgeordneter, war der Auffassung, eine solche Rede gehöre definitiv nicht ins Parlament. Andere Grüne kritisierten, Schoppe habe männliche Sexualität generell auf den Gewaltindex gesetzt. Wenige Wochen später ereignete sich der erste Fall von "Busengrapscherei": Ausgerechnet ein Abgeordneter der Grünen war übergriffig geworden – und wurde schnell genötigt, sein Mandat aufzugeben.