Bis sich Gesundheit, Bildung oder Wohlstand in einem Land verbessern, braucht es lange. Die Freiheit dagegen erreicht die Völker oft in Sprüngen oder Wellen. Das kann man zurzeit in der arabischen Welt beobachten. Innerhalb kürzester Zeit erhoben sich nach Jahrzehnten der Diktatur in einer ganzen Region die Massen; ein halbes Dutzend Alleinherrscher musste abdanken. Politikwissenschaftler sprechen von der vierten Welle der Demokratie, nach der ersten Anfang des 19. Jahrhunderts, der zweiten am Ende des Zweiten Weltkriegs und der dritten, die mit dem Untergang der Sowjetunion ihren Höhepunkt erreichte.

Immer wieder kommt es zu Rückschlägen, übernehmen autoritäre Herrscher die Macht. Der globalhistorische Trend jedoch ist eindeutig: Zu keiner Zeit gab es mehr Staaten auf der Welt, in denen die Bevölkerung unter einer Regierung lebt, die sie selbst gewählt hat. Die amerikanische Nichtsregierungsorganisation Freedom House misst den Status der Freiheit weltweit seit 1973. Damals konnten sich 44 Staaten als funktionierende Demokratien bezeichnen, heute sind es 90. In 47 Staaten ist die Freiheit weiterhin so stark eingeschränkt, dass sie nach den strengen Maßstäben von Freedom House als unfrei gelten, darunter auch Russland.

Doch selbst in lupenreinen Diktaturen wie China oder Vietnam, Kuba oder Myanmar genießen die Bürger heute im Alltag mehr Rechte als noch vor 40 Jahren, spüren die Menschen weniger die Knute der Obrigkeit. Denn kaum ein Land – Nordkorea einmal ausgenommen – kann sich heute noch völlig vom Rest der Welt abschotten. Weit mehr Bürger als früher reisen. Via Internet oder Satellitenfernsehen verbreiten sich die Ideen von Meinungsfreiheit, Rechtsstaatlichkeit und Parlamentsherrschaft. Ohne die modernen Kommunikationskanäle hätte der Arabische Frühling so nicht stattfinden können.

Die wichtigsten Freiheitstreiber jedoch dürften – neben der Urbanisierung – Wohlstand und Bildung sein. Wer täglich um sein Brot kämpfen muss, hat keine Zeit, sich in einer Oppositionsgruppe zu organisieren. Nur wer lesen kann, vermag ein Flugblatt zu verstehen.

Die Rolle der Bildung zeigt besonders gut der Aufstand in Ägypten: Nicht die armen Bauern auf dem Land haben das Regime gestürzt, sondern junge, meist gut ausgebildete Männer und Frauen aus den städtischen Mittelschichten. Sie trieben den Aufstand voran, mit Mobiltelefon, Facebook und Twitter.