Vorsichtig muss sein, wer einen Schritt nach vorne zu gehen versucht, während er den Blick weit nach hinten gerichtet hält. Bei dieser Übung können selbst erfahrene Popmusikanten wie Depeche Mode mal ins Stolpern geraten. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass der Rhythmus auf Delta Machine bisweilen stockt. Er rumpelt und pumpelt, bricht an unerwarteten Stellen, verliert sich im Gewühle, nur um dann unvermittelt doch wieder aufzutauchen und umso mächtiger loszudonnern.

Wie kann das passieren? Was treibt sonst zuverlässige Hitlieferanten wie die drei Jugendfreunde aus dem englischen Basildon dazu, ihre nicht nur in Deutschland erstaunlich treue Klientel womöglich zu verschrecken? Mit Musik, zu der bisweilen nur ein Rechenschieber tanzen könnte? Und die dann im nächsten Moment klingt, als wäre Robert Johnson erfolgreich geklont worden?

Auf ihrem dreizehnten Album wagen Depeche Mode die Quadratur des Kreises. Sie bauen einerseits ihr schon immer latent vorhandenes Interesse am Blues aus und stürzen sich andererseits in die Zukunft, indem sie Elemente und Strukturen der elektronischen Avantgarde adaptieren. Man darf es gewagt nennen bei einer Band wie dieser, die in den Charts zu Hause ist, in denen weder Blues noch Broken Beats etwas zu suchen haben. Noch irrer allerdings ist: Es funktioniert.

Die erste Singleauskopplung führt zwar erst einmal in die falsche Richtung: Heaven ist eine Ballade, die sich mit ihrer gebürstet schillernden Edelstahlmelancholie passgenau ins bisherige, in 33 Jahren Bandgeschichte angelegte Portfolio einfügt: Als Staub werde er enden, aber dafür sei er dann auch im Himmel, singt Dave Gahan mit pastoralem Timbre über Keyboardflächen, so breit und massiv wie Grabsteine.

Aber es wird der einzige Moment selbstgewisser Ruhe auf Delta Machine bleiben. Bereits zum Albumeinstieg geben trockene, elektronische Schläge, die einsam im Raum stehen, den neuen Weg vor. Im nächsten Track, Angel, schleift der Beat wie ein Hinkender, der durch eine Maschinenhalle torkelt, während Songschreiber Martin Gore seiner Gitarre einen Riff abquält, der den angel of love aus dem Text als Geschöpf aus der Hölle entlarvt.

Die christlich geschwängerte Symbolik kennt man von Depeche Mode so wie den Blues, der schon früher in einzelnen Songs immer mal wieder durchschimmerte. Nun aber wird ihm eine gewichtigere Aufgabe zugewiesen – als wollte die Band ihre eigene Modernisierung mit einem zeitgleichen Rückgriff auf den Ursprung der Popmusik absegnen. Aber natürlich klingt der Blues nicht mehr wie einst im Mississippi-Delta. Nun imitieren elektronische Klänge seine bleierne Schwere, und die Gitarre sucht auf einer Tour de Force durch das ganze Arsenal ihrer digitalen Bearbeitungsmöglichkeiten nach seinem Geist.

Die Folge ist: Depeche Mode klingen, wie sie noch nie geklungen haben. Aber, das ist das Erstaunliche, immer noch wie Depeche Mode. Seit sie Mitte der achtziger Jahre ihren bis dahin vergleichsweise kindlichen Synthie-Pop mit der radikal industriellen Ästhetik der Einstürzenden Neubauten erweiterten, ist ihnen zum wiederholten Mal das Kunststück gelungen, sich neue, bisweilen weit entfernte Einflüsse einzuverleiben und dabei doch den eigenen Markenkern deutlicher herauszuarbeiten. Depeche Mode haben also Übung darin, den Kurs zu halten, obwohl der Blick zuweilen in entgegengesetzte Richtungen weist.