Das historische Bewusstsein eines geteilten Landes, die politischen Bande nach Moskau und die Ängste eines kleinen, geografisch exponierten Landes – das alles sind zyprische Besonderheiten. Und doch beschreiben sie recht gut, was neben den Zahlen alles auf den Tisch kommt, wenn sich die 17 Euro-Staaten in Brüssel zusammensetzen, um zu verhandeln.

Diese Besonderheiten erklären auch, warum der zyprische Ministerpräsident zunächst einen großen Teil des Geldes, das sein Land nach den Vorgaben aus Brüssel als Eigenbeitrag aufbringen muss, um Hilfskredite der EU zu bekommen, bei den Kleinsparern eintreiben wollte. Es war sein Ziel, die Beziehungen seines Landes zu Russland nicht zu sehr zu strapazieren und das zyprische Geschäftsmodell – rund die Hälfte des Sozialprodukts wird im Finanzsektor erwirtschaftet – nicht zu gefährden.

Die Entscheidung mag falsch gewesen sein, aber man kann nicht beides zugleich kritisieren: dass Brüsseler oder Berliner Mächte den anderen Mitgliedsstaaten fortwährend ihren Willen aufzwingen und dass sie den zyprischen Präsidenten in diesem Fall gewähren ließen.

Der jetzt erzielte Kompromiss sieht vor, dass der zyprische Staat ein Milliardenkredit der Staatengemeinschaft hält. Für die Verluste der zyprischen Banken dagegen kommen deren Aktionäre, Gläubiger und Kunden auf. Das ist nicht ungefährlich, weil die Aktionäre, Gläubiger und Kunden in anderen hoch verschuldeten Ländern darauf kommen könnten, dass es auch sie vielleicht einmal trifft. Ziehen sie deshalb ihr Geld ab, verschärft sich die Krise. Schon sehen sich die Europäer dazu gezwungen, erstmals seit Gründung des gemeinsamen Marktes den freien Kapitalverkehr einzuschränken.

Die Methode Zypern ist riskant, aber nicht minder riskant wäre es gewesen, darauf zu vertrauen, dass die Steuerzahler im Rest Europas die Bankaktionäre in Zypern heraushauen. Denn das ist die Lehre aus der Finanzkrisengeschichte: Irgendjemand muss am Ende die Rechnung übernehmen. In den häufig so chaotisch erscheinenden Brüsseler Sitzungen geht es am Ende meistens um diese eine Frage: Wer bezahlt? Dass dabei jeder Mitgliedsstaat die eigenen Interessen im Blick hat – auch das ist Teil der europäischen Versuchsanordnung. Es wäre eine Illusion und eine Überforderung zu glauben, innerhalb eines Staatenbundes wie der EU müsste jedes Mitglied stets oder gar ausschließlich an das große Ganze denken.

Entscheidend ist bei allen notwendigen Kompromissen, dass die Richtung der gemeinsamen Politik stimmt. Und das tut sie – auch wenn die Sparprogramme anfangs zu ehrgeizig waren und die soziale Balance nicht stimmte. Aber mit jedem neuen Fall hat die EU ihr Kriseninstrumentarium verfeinert.

Als die Krise vor drei Jahren begann, stand der Kontinent den Attacken der internationalen Finanzmärkte ziemlich hilflos gegenüber. Mittlerweile gibt es den gemeinschaftlich finanzierten Rettungsfonds ESM, der Hilfskredite an notleidende Staaten vergibt. Es gibt eine Zentralbank, die bis an die Grenzen ihres Mandats geht, um die Finanzmärkte in die Schranken zu verweisen. Es gibt neue Regeln, die nicht nur die Schuldenaufnahme im Süden begrenzen, sondern auch übermäßige Exportüberschüsse im Norden verbieten. Es gibt wahrscheinlich bald eine gemeinsame Bankenaufsicht für die grenzüberschreitend tätigen Kreditinstitute. Und mit dem Programm für Zypern wurde ein Weg aufgezeigt, wie auch die Banken und ihre Eigentümer und Geldgeber an den Kosten der Rettung beteiligt werden können.

Europa leidet unter Schulden und Arbeitslosigkeit. Aber Europa leidet auch unter dem falschen Bild, das sich die Europäer immer wieder von ihrer gemeinsamen Politik machen. Woran misst man diese Politik – an der Aufregung, die jedes neue Krisentreffen begleitet? Dann muss man an Europa irre werden. Oder an den Ergebnissen, die sie produziert? Dann erscheint diese Gemeinschaft überraschend robust. Und sehr häufig sogar ziemlich erfolgreich.

Mitarbeit: Bernd Ulrich