Sie hat das Studentenlokal Schwarzwaldstuben in Berlin-Mitte vorgeschlagen: 9 Uhr früh. Im Vergleich zu ihren Kollegen, die Jauch, Beckmann und Plasberg heißen, hat Anne Will sich den Ruf erarbeitet, die politischste unter den ARD-Talkshows zu leiten. Ihre Pressefrau hat dazu geraten, die berühmte hochgezogene linke Augenbraue nicht zu thematisieren – das kriegen wir hin. Ein Käsefrühstück und ein hart gekochtes Ei, bitte. Der Interviewer muss tatsächlich aufpassen, nicht nur seichten Käse zu fragen, weil sie mit ihrem gut aussehenden Lächeln gleich eine derartig vertraute Stimmung herstellt. Eine abstrakte Frage zum Einstieg: Was, liebe Anne Will, ist eine gute Frage? Sie setze auf die unironischen, unpolemischen, unhämischen Fragen. Peer Steinbrück, den sie gerade in einer Einzelsendung bei sich hatte, habe sie gefragt: Was ist ungerecht in Deutschland? Sie wiederholt: "Was ist ungerecht in Deutschland? Warum macht ein erhöhter Spitzensteuersatz Deutschland gerechter?" Dass Steinbrück sich um eine Antwort gedrückt habe, sage doch eine Menge über den angeblichen Steuer-und Finanzfachmann. Wir gehen nun, weil das immer Spaß macht, die sagenhafte Fehlerserie des SPD-Kandidaten durch. Im September wird Anne Will das TV-Duell Merkel – Steinbrück moderieren. Eine zugespitzte Frage: Kämpft da die moderne, mit allen Wassern gewaschene Frau gegen einen hilflosen, weil mit den klassisch männlichen Schwächen Eitelkeit, Egozentrik und Selbstüberschätzung geschlagenen Mann von gestern? Amüsiertes Gesicht bei der Moderatorin: "Nein. Ich habe allerdings auch nicht das festgefügte Bild, dass Frauen klug und Männer eitel sind." Ist die Bundestagswahl gelaufen? "Das ist sie nicht." Und da ist – Entschuldigung – die hochgezogene Augenbraue. "Wenn die Euro-Krise sich weiter so zuspitzt wie jetzt in Zypern, dann fragen die Menschen sich schon: Was ist das für ein Krisenmanagement?" Ist es schade, dass Hannelore Kraft in diesem Jahr noch nicht zur Kanzlerwahl antritt? "Der Kampf wäre spannend gewesen. Vielleicht hätte sie die größeren Chancen gehabt."

Wechsel zum Großthema Homo-Ehe: Was ist da noch mal die Frage? An diesem Thema, so der Politikprofi Will, zeige sich, wie modern die Gesellschaft, in der wir lebten, wirklich sei: "Es wird natürlich so sein, dass das Bundesverfassungsgericht der amtierenden Regierung im Sommer reinsingen wird, dass eingetragene Lebenspartnerschaften der Ehe steuerlich gleichgestellt werden." Reinsingen ist ja ein tolles Wort. Das Ei hat die Frühstückerin Anne Will gegessen, den Käse vom Käsefrühstück lässt sie lieber stehen. Und noch mal zum immer schönen Thema Feminismus: Hat der arme, alte Brüderle ihr auf dem Höhepunkt des grässlichen Dirndl-Skandals leidgetan? Sie guckt so überrascht, wie sie im Fernsehen selten guckt: "Nein. Null. Nicht eine Sekunde. Ich finde auch, dass Brüderle sich nach wie vor entschuldigen muss. Es ist doch ein Wahnsinn, dass die FDP hingeht und von einer Kampagne gegen die ganze Partei spricht. Ich lache mich tot." Feixende Anne Will. Der toughe Tonfall und das gut aussehende Lächeln machen sich zusammen wirklich gut.

Wie geht’s ihrem Katholizismus? "Ich reibe mich schon sehr an der katholischen Kirche und ihrer Reformunfähigkeit. Man rühmt den neuen Papst für seine Bescheidenheit. Mit dem Mann kann ich mich trotzdem nicht anfreunden, wenn ich lese, dass er homosexuelle Verbindungen für Teufelszeug hält." Punkt. Treffer. Vielen Dank. Sie muss jetzt zur Redaktionskonferenz. Geht es ihr auf die Nerven, dass sie alle immer so unheimlich sympathisch finden? "Ach, so schlimm ist das nicht." Taxi.