Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © Nicole Sturz

Lieber VHS-Kurs der Lebenshilfe-Werkstätten, Sie schreiben mir zum Thema "politisch korrekte Sprache". Sie möchten, dass der Ausdruck "Behinderte" nicht mehr verwendet wird, obwohl er noch vor wenigen Jahren als politisch besonders korrekt gegolten hat. Inzwischen sei das aber ein Schimpfwort. Deshalb plädieren Sie für den neuen Begriff "Menschen mit Handicap".

Ich werde, wenn wir uns treffen sollten, gern diese Bezeichnung verwenden. Aber ich fürchte, dass auch "Menschen mit Handicap", falls die Formulierung sich in Deutschland durchsetzt, sehr bald als Schimpfwort eingesetzt wird. Dann können Sie wieder ein neues Wort finden, und wieder eines, und wieder eines, aber das nützt überhaupt nichts. Sie können Vorurteile und Hass und negative Einstellungen nicht abschaffen, indem Sie neue Bezeichnungen einführen. Wenn es so einfach wäre – wunderbar. Vorurteile sind aber kein sprachliches Problem. Es liegt nicht auf der Zunge, es steckt im Kopf. Am besten haben es in dieser Hinsicht die Homosexuellen gemacht, indem sie das Schimpfwort ihrer Feinde, "schwul", einfach selber verwendet und so für sich erobert haben, offensiv. Das hat natürlich den Schwulenhass nicht aus der Welt geschafft. Aber es war ein Sieg. "Menschen mit Handicap" ist defensiv, ein Rückzug.

Seit Jahren lese ich hin und wieder das Wort "It-Girl". Zuletzt wurde es auf die junge Piraten-Politikerin Marina Weisband angewendet. Die ist angeblich ein "It-Girl". Ich bin ein Hinterwäldler, ich wusste lange nicht, was das bedeutet. Es steht aber sogar im Duden. Ein "It-Girl" ist eine junge, gut aussehende Frau, die ständig in den Medien auftaucht, obwohl sie nicht viel geleistet hat. Weniger jedenfalls, als ein durchschnittlich aussehender, älterer Mensch bringen müsste, um ständig in den Medien zu sein. Ob das für Frau Weisband zutrifft, will ich nicht beurteilen. Das englische it kann man in diesem Zusammenhang vielleicht als "das gewisse Etwas" übersetzen. Ein "It-Girl" hat Charisma, Sex-Appeal oder was auch immer. Erfunden wurde das Wort 1927, als die Schauspielerin Clara Bow in dem Stummfilm It ein Mädchen mit dem gewissen Etwas gewesen ist. Als ich ein bisschen herumrecherchierte, habe ich schnell mitgekriegt, dass "It-Girl" neuerdings als sexistisch gilt. Alles andere hätte mich, ehrlich gesagt, auch gewundert. Man soll jetzt "Can-do-Girl" sagen. Für mich ist das furchtbar. Ich komme da nicht mehr hinterher. Ich kann die neuen Wörter überhaupt nicht mehr so schnell lernen, wie sie als sexistisch oder sonst wie diskriminierend aussortiert werden. Ich bin ein Slow-Boy.

"Toleranz" habe ich wirklich für ein völlig unverdächtiges Wort gehalten, ein sympathisches sogar. Toleranz, super, ich bin dafür. Jetzt habe ich gelesen, dass "Toleranz" ein schlechtes Wort ist, weil man ja etwas nur dann toleriert, also erträgt, wenn man es vorher ein klein wenig abgelehnt hat. Beispiel: Ich mag den Geruch von Patschuli nicht, aber wenn Sie sich das Zeug unbedingt hinters Ohr tupfen wollen, bin ich tolerant. Das ist die falsche Einstellung, auch das falsche Wort. Neuerdings soll man "Akzeptanz" zeigen statt "Toleranz". Man akzeptiert sofort, uneingeschränkt, deshalb muss man nicht mehr mühsam über die Hürde der Toleranz hinüberspringen, oder so ähnlich. Also, wenn Sie mich treffen, achten Sie bitte bloß nicht auf meine Wortwahl, ich bin nie auf dem neuesten Stand. Achten Sie auf mein Verhalten, ob ich nett bin, ob ich Sie respektiere, achten Sie auf den Tonfall. Ich bin der Slow-Boy.

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