Als Sven Giegold das erste Mal 200 Milliarden Dollar von Banken forderte, war er ein Exot. Sein Kampf gegen die Finanzindustrie begann im Sommer 2001. "Wie kann sich ein Markt globalisieren, ohne dass sich die demokratische Kontrolle globalisiert?", fragte Giegold damals. Er forderte Regeln für Banken, Fonds und Versicherungen, die überall gleichermaßen gelten. Eine Steuer auf deren Geschäfte sollte die Spekulation bremsen und die Entwicklungshilfe finanzieren. Weil der Handel mit Devisengeschäften und anderen Finanzprodukten explodierte, hätte schon eine Steuer von 0,1 Prozent auf den Handelsumsatz die 200 Milliarden Dollar gebracht. Jährlich.

Als deutsche Stimme von Attac galt Giegold Konservativen als linker Spinner, als jemand, der den Kapitalismus nicht verstand. Die Deutsche Bank weigerte sich damals, mit ihm auf Podien zu streiten.

Zwölf Jahre später stehen Europas Finanzminister nun kurz davor, eine entsprechende Steuer tatsächlich einzuführen. Immerhin machen elf Länder, darunter Deutschland und Frankreich, mit. Allerdings streiten sie in Brüssel noch um die Ausgestaltung. Die Deutsche Bank hat Giegold gerade zu einer kleinen, informellen Kaminrunde mit Co-Vorstandschef Anshu Jain eingeladen. Er hat abgesagt.

Sven Giegold steht vor dem größten Triumph seiner politischen Laufbahn, doch er will davon nichts wissen. "In den nächsten Wochen entscheidet sich, ob die Steuer ein Erfolg wird, oder ob sie weiter ausgehöhlt und damit sinnlos wird", sagt er. Mit jeder zugelassenen Ausnahme sinke der Wert der Steuer, sagt Giegold.

Längst hat er sich von Attac verabschiedet und sitzt für die Grünen als Wirtschaftsexperte im Europaparlament. Giegold ist kein Rebell, bei einem Treffen am vergangenen Donnerstag sind es nur die grünen, gestrickten Socken, die etwas ungewöhnlich wirken. Ansonsten ginge der 43-Jährige mit seinem weißen Hemd, dem Sakko und dem braven Haarschnitt leicht als Mitglied der liberalen Fraktion durch.

Giegold und die Geschichte der Transaktionssteuer lehrt vor allem eines: Jedes Thema braucht seine Zeit. Vor zwölf Jahren ging es noch unter. Dabei konnten die Befürworter der Steuer zunächst durchaus hoffen.

Zusammen mit einigen Mitstreitern hatte Giegold gerade ein Ökozentrum aufgebaut. Die Gruppe bewegte vor allem eine Frage: "Stürzt uns die regellose Macht der Finanzmärkte alle ins Elend?" Giegold schloss sich dem deutschen Ableger der Attac-Bewegung an. In Frankreich stritten bereits Tausende für die Einführung einer weltweiten Steuer auf den Handel mit Finanzprodukten. Vom Namensgeber James Tobin und dessen Denkvater John Maynard Keynes hatte Giegold bereits im Studium gelesen. In Deutschland warben Globalisierungskritiker der Organisation namens Weed dafür.

Schließlich erreichte die Debatte um die Tobinsteuer im Sommer 2001 sogar das Kanzleramt. Kirchen und Gewerkschaften schlossen sich den Ideen an. Die Pressekonferenz in Berlin war vollkommen überfüllt. Es gab nur ein Problem. Die Konferenz begann am Mittag des 11. September. Zwei Stunden später brachen die Türme des World Trade Center zusammen. Schnell wurde klar, dass es nicht mehr um soziale Gerechtigkeit ging, sondern um "Krieg und Frieden", wie Giegold heute sagt. Die Tobinsteuer hatte ihre wichtigste Zutat verloren: öffentliche Aufmerksamkeit.