Von Jesus Christus wissen wir zwar nicht so viel wie von Michael Jackson. Aber doch alles, worauf es ankommt. Geburt bei heikler Vaterschaft, Taufe, das Team, das letzte Abendmahl und der finale Dialog mit dem "pater absconditus". Dann Kreuzigung, Grablegung und Auferstehung. Wir lesen es in der Bibel, hören es in der Kirche. Aber wir sehen es erst in den Bildern, erleben es in der Musik. Ohne Matthias Grünewalds "Isenheimer Altar", ohne Johann Sebastian Bachs "Matthäus-Passion", ohne den Reichtum der Künste wäre die Kirche mit ihrer Botschaft nie so präsent geworden.

Die Geschichte von der Geburt ist anrührend. Der Weg nach Golgatha aber, das Martyrium, die Kreuzigung als tödlicher Höhepunkt sind unerträglich. Danach scheint die Abnahme des toten Christus vom Kreuz fast eine Erleichterung. "Es ist vollbracht" – eines der sieben letzten Worte Jesu prägt die Stimmung des um 1440 entstandenen Altarbildes von Rogier van der Weyden. Es liegt nicht nur an den kostbaren Gewändern, dass der Schrei des Entsetzens sich hier verwandelt hat in eine stille Trauer. Dass der zur Seite gesunkene Körper der ohnmächtigen Maria die Körperhaltung des toten Sohnes widerspiegelt, ist keine Anklage, sondern eine symbiotische Geste tiefsten Schmerzes.

Max Beckmann hat 1909, da war er 25 Jahre alt, eine Kreuzigung im Stile des späten 19. Jahrhunderts gemalt, voller Dramatik und Hell-dunkel-Effekte. Im Jahr 1917 dann, Beckmann war als Sanitäter im Krieg gewesen und mit schwerer Verwundung entlassen worden, entstand eine Kreuzabnahme. Wir sehen in fahlen Farben, in der verzerrten Perspektive, in den ausgemergelten Figuren mit den überdrehten Gliedern und in dem erstarrten Körper Jesu mit den abgespreizten Armen ein Bild des totalen Erloschenseins. Was bedeutet dann noch Bachs bechwörende Arie "Erbarme Dich"? Was Grünewalds gloriose "Auferstehung"? Das war einmal. Die modernen Künstler haben den Glauben an den Glauben verloren.