Die Locken sprießen auf Ernesto Netos Kopf, als könnte nichts und niemand sie aufhalten. Und hört man ihm eine Weile zu, dann scheinen diese Locken nur ein Ausdruck dessen zu sein, was in seinem Kopf vorgeht, die Locken sind quasi eine Verlängerung seiner ständig in alle Richtungen sprießenden Gedanken – und damit auch seiner üppig wuchernden Kunst. "Man muss der Moderne endlich ein tropisches Durcheinander entgegensetzen", sagt Neto mit Emphase – um drei Sätze danach wieder der Moderne zu huldigen. Ernesto Neto hat mich in seinem Atelier empfangen, es ist ein altes, dreistöckiges Haus mitten in Rio de Janeiro, nah dem heruntergekommenen Hafenviertel, das jetzt in Erwartung all der großen Sportereignisse mit protzigen Bauten zugestellt wird. Die wirtschaftliche Wachstumskraft des Landes ist ungebrochen. Und die Kraft der Kunst ist es auch.

Auf dem internationalen Kunstmarkt und im Ausstellungsbetrieb ist sie so gefragt wie noch nie – in den vergangenen Wochen wurden allein in Rio de Janeiro zwei neue Kunsthallen für brasilianische beziehungsweise lateinamerikanische Kunst eröffnet. Außerhalb des Landes ist der Umsatz mit brasilianischer Gegenwartskunst laut einem aktuellen Report innerhalb zweier Jahre um sagenhafte 80 Prozent gestiegen. Und so ist auch deswegen Netos Atelier gewachsen, es besteht jetzt aus mehreren Hallen, in denen ein knappes Dutzend Helfer tätig ist. Neto fotografiert und schafft Stahlskulpturen, am bekanntesten aber ist er für seine von der Decke hängenden Installationen, etwa für seine Riesenduftsäcke: In strumpfähnlichen Textilien hat er kiloweise Gewürze abgefüllt, sodass sie wie tropfenförmige Riesenkissen im Raum baumeln, ein visuelles, haptisches und olfaktorisches Ereignis.

Nur wenige Hundert Meter von Netos Atelier entfernt, wurde vor zwei Wochen eine seiner Skulpturen aufgehängt, im neu eröffneten Museu Mar, mit dem die Stadt rechtzeitig zu den großen Sportereignissen auch ihre Künstler ehren will. Zu Hunderten drängeln sich jetzt hier die Cariocas, wie die Bewohner Rios genannt werden, schauen sich die Kunst von Lygia Clark und Lygia Pape, von Antonio Dias und Hélio Oiticica an. Auch in diesem Museum wuchert die Kunst, sie wächst dicht an dicht an Drahtseilen und Gestellen in die Luft, wie die Pflanzen im Dschungel, der die Stadt umgibt und in sie hineindrängt, wie die labyrinthischen Favelas, die sich auf den Hügeln zwischen den Reichenvierteln ausbreiten.

Eine Ausstellung ganz anderer Art bietet die zweite große Kunsthalle, die am Wochenende neu in Rio eröffnet wurde: Die Casa Daros ist das neue, prächtige Schaufenster der Daros Latinamerica Collection, der größten europäischen Privatsammlung für lateinamerikanische Kunst. Die Sammlung gehört der Schweizerin Ruth Schmidheiny, wird geleitet von dem deutschen Kurator Hans-Michael Herzog und hat seit ihrer Gründung knapp 1200 Kunstwerke von knapp 120 Künstlern angekauft, meist nicht auf Auktionen oder Kunstmessen, sondern in Galerien oder direkt beim Künstler. Die finanziellen Möglichkeiten von Daros scheinen enorm, man unterhält einen Hauptsitz in Zürich, wo die Kunst auch gelagert wird, doch in Rio wurde nun für weit mehr als 30 Millionen Euro ein neoklassizistischer Bau aus dem 19. Jahrhundert gekauft und über sechs Jahre lang renoviert.

Mehr als vierzig Mitarbeiter kümmern sich jetzt allein in Brasilien um die geplanten zwei Ausstellungen pro Jahr, den Künstleraustausch, das pädagogische Begleitprogramm und die eigene Bibliothek. In Zürich wird die Sammlung verwaltet, dort werden Kataloge publiziert und von dort aus Leihgaben in alle Welt geschickt. Dabei soll diese Sammlung nicht – wie viele andere – als Geldanlage dienen, man will sie in eine Stiftung überführen, die dauerhaft den Erhalt der Sammlung sichern soll, so heißt es.

Die Daros Collection besitzt viele Meisterwerke der zeitgenössischen Kunst Brasiliens, darunter auch zwei Installationen von Ernesto Neto. Doch in Rio eröffnete die Sammlung ihr neues Haus jetzt ausgerechnet mit einer Ausstellung kolumbianischer Kunst. Einen Großteil davon hatte die Daros Collection schon 2004 unter dem Titel Cantos Cuentos Colombianos in Zürich gezeigt, für ein Publikum, dass diese Künstler kaum kannte. Aber selbst in Brasilien ist die Kunst der lateinamerikanischen Nachbarn nur Insidern wie Neto vertraut.

Die jetzt in Rio recht trocken und mit viel Platz, nämlich auf gut dreitausend Quadratmeter Ausstellungsfläche inszenierten Werke aus Kolumbien sind hauptsächlich um das Jahr 2000 entstanden, und viele befassen sich mit den Problemen des schon damals tief im Bürger- und Drogenkrieg steckenden Landes. Gleich in der großen Empfangshalle begrüßt den Besucher einzig ein menschengroßer, aus Legosteinen gebauter Sarg in den Nationalfarben Kolumbiens, eine Hommage an die Kinder des Drogenkrieges von Fernando Arias. Im folgenden Saal lässt Oscar Muñoz auf den Boden projizierte Schwarz-Weiß-Porträts langsam in einem Strudel verschwinden – es sind die Gesichter von Bürgerkriegsopfern. Auf solche trifft man auch in der Installation Musa Paradisíaca von José Alejandro Restrepo, der Dutzende echte Bananenstauden von der Decke baumeln lässt. An ihren unteren Enden sind jeweils kleine Bildschirme montiert, bückt man sich, so kann man über kleine Spiegel am Boden die darauf in endlosen Loops gezeigten Szenen erkennen. Es sind Bilder von Massakern, die auf den Bananenplantagen von Militärs, Rebellen und Paramilitärs angerichtet wurden, ausgerechnet auf den Feldern also, auf denen jene Frucht wächst, die als Symbol für den nordamerikanischen und europäischen Neokolonialismus gilt.