Modebewusste junge Männer tragen heute Bärte, und ältere tun es, um ebenfalls jugendlich zu wirken. Früher war es gerade andersherum; kein Jüngling hatte Haare im Gesicht. Die Kunst hat dafür zahllose Zeugen. Der berühmteste ist der Evangelist Johannes, der Lieblingsjünger Jesu. In der Zwölferschar ist der jüngste Apostel als Einziger bartlos. Auch dieser geschnitzte Johannes hier ist fast noch ein Knabe, so glatt und unbedarft wirkt er, in sich ruhend und vom Glauben beseelt. Das breite ovale Gesicht ist ein Wunderwerk des Naturalismus. Die kräftige Nase, die großen Augen mit den halb geschlossenen Lidern, der sinnliche Mund und das entzückende Grübchen im Kinn und natürlich die exaltierte Lockenpracht – wir befinden uns an der Schwelle zur Neuzeit, dem Zeitalter Jan van Eycks und Donatellos, als die Kunst die wahre Natur des Menschen entdeckte und ihn erstmals lebensecht darstellen konnte. Auch das Gewand des Johannes ist spektakulär. Es bauscht und knittert sich, wirft die kompliziertesten zackigen Falten, um dann in steilen Kaskaden herabzufallen. Der Bamberger Kunsthändler Walter Senger hat die überragende Qualität des Johannes gleich erkannt, als er in einer Privatsammlung auf ihn stieß. Nur einen Künstlernamen gab es nicht. Frank Matthias Kammel, Leiter der Skulpturensammlung des Germanischen Nationalmuseums, hat die Figur untersucht und kam zu dem Schluss, dass wohl nur ein Meister dafür infrage kommt: Michael Pacher aus Südtirol (um 1435 bis 1498), der Schöpfer des berühmten Altars in St. Wolfgang im Salzkammergut. Ein Universalgenie, das so gut schnitzte, wie es malte. In beidem war Pacher von der italienischen Frührenaissance beeinflusst. Seit vielen Jahren kam nichts von ihm auf den Markt, der Johannes ist eine echte Sensation. Der Preis sei sechsstellig, mehr will Senger dazu nicht sagen. Ein im Rang vergleichbares Gemälde würde Millionen kosten, aber spätmittelalterliche Skulpturen sind unter Sammlern eben nicht so populär. Sehr zu Unrecht, wie dieses Traumstück beweist.