Der Blick geht nach oben. Aus der Enge empor in die Weite, aus der Welt der Grenzen und Mauern, aus der beschränkten Existenz des Sterblichen in himmlische Unendlichkeit. Kuppeln sollen Macht und Herrlichkeit, Herrschaft und Ewigkeit demonstrieren – ob sie nun heilige Orte überwölben, Kathedralen, Moscheen, Synagogen, oder Paläste krönen, Parlamente und Gerichtsgebäude.

Streng und raffiniert zugleich hat der australische Fotograf David Stephenson sie aufgenommen, immer aus derselben Perspektive und im selben Format. Es gibt in diesem quadratischen Band keine Außenansichten, auch kein Bild des Gesamtraums, nur diesen einen, starren Blick von unten hinauf. Und doch entfaltet Seite für Seite, Quadrat für Quadrat, der Kreis (oder das Oval, das Oktogon) neue Muster. Alles hier ist Mathematik, Geometrie, alles tiefster Ernst und freies Spiel.

Stephenson lädt zu einer Reise durch die europäische Architektur, von der antiken Urkuppel des Pantheons in Rom bis hin zu den Bauten des Historismus im 19. Jahrhundert, nur die Moderne fehlt. Dabei geht es, versteht sich, durch ganz Europa, von England bis in die Türkei, von Portugal bis Russland. Und natürlich quer durch die Religionsgeschichte. Denn Gotteshäuser sind gebaute Theologie.

Stephensons Kuppeln zeigen uns den einen Gott und seine Unendlichkeit in jeder nur denkbaren Gestalt: als fernen, hohen Herrn in den Gewölben der Gotik, als streng und kraftvoll in den antikischen Konstruktionen der Renaissance, als allumfassenden goldenen Gott in der Architektur des Islam, als einen wahren Deus ex Machina im Lichttheater des Barock. Unten dann der Mensch in aller Demut – und doch so stolz auf seine Kunst, immer pompösere, heiklere Konstruktionen zu wagen. So verherrlicht diese Architektur eben beide: den großen Gott und sein kleines Geschöpf.

Mit diesem Band hat Stephenson ein (Foto-)Kunstwerk für sich geschaffen, das zu munteren bauhistorischen und theologischen Spekulationen reizt. Ein bisschen schade nur, dass einige besonders berühmte Kuppeln fehlen, die Dome von Florenz und Aachen ebenso wie St. Paul’s in London, Petersdom und Hagia Sophia. Aber vielleicht sind 125 Kuppeln ja auch der Herrlichkeit genug.