Die Frage: "Da kann ich mich doch gleich umbringen!", hat Jochen vor zwei Jahren geschrien, als ihm seine Frau Marlene ausgerechnet an seinem Geburtstag sagte, sie sei nicht bereit, mit ihm für eine andere Stelle umzuziehen. Auch die Kinder seien dagegen. Als Jochen nach seiner Drohung aus dem Haus lief, fürchtete sie, er würde sich etwas antun. Glücklicherweise war er schon viel vernünftiger, als sie ihn zehn Minuten später auf dem Handy anrief. Er kam zurück und tat, als sei nichts gewesen.

Marlene hat seither öfter versucht, mit Jochen über seinen Ausbruch ins Gespräch zu kommen, doch er behauptet, sich nicht zu erinnern. Er wisse nur dunkel, dass er sich über ihren Widerstand aufgeregt habe. Inzwischen sehe er ja ein, dass er sie und die Kinder nicht zwingen könne.

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Wer droht, kündigt in der Regel keine Aktion an, sondern drückt Emotionen aus – Kampfbereitschaft, Angst vor einer Niederlage. Dennoch sind Selbstmorddrohungen schwerer einzuschätzen als andere Drohungen.

Jochen schämt sich für seinen Ausbruch und hat ihn verdrängt. Marlene kann ihn nicht vergessen, weil ihr Jochen in dieser Reaktion fremd geworden ist. Sie sollte weniger fragen, wie ernst es ihm war. Denn inzwischen ist klar, dass es nicht ernst gemeint war. Sie sollte lieber erzählen, dass sie immer noch an diese Szene denke und dann Bauchweh bekommt, weil sie nicht sicher ist, ob für ihn die Beziehung in Ordnung ist. Dann kann Jochen sie trösten und muss ihr nicht erklären, welche Mischung aus Angst und Wut ihn zu seiner kindischen Trotzreaktion veranlasst hat.