Martin Walser wurde am 24. März 86 Jahre alt. Er hat bisher 22 Romane geschrieben und drei Sudelbücher mit Notaten und Aphorismen, Meßmers Gedanken, Meßmers Reisen und jetzt Meßmers Momente. Man könnte es so sagen: Die 22 Romane sind sein Hauptleben, die drei Sudelbücher sind sein Nebenleben. Im Hauptleben braucht er, wie es so ist, viel Personal, aufwendige Requisiten, Konflikte, Kostüme und dergleichen mehr. Im Nebenleben braucht er diese komplizierte Ausstattung nicht. Hier kann er wie bei einem Seitensprung sofort unbeschwert zur Sache selbst kommen.

Diese Sache selbst, auf die Walser in seinen Meßmer-Büchern kommt, ist allerdings nicht ohne Weiteres beim Namen zu nennen. Es sind Stimmungen, Befindlichkeiten, Empfindlichkeiten, Maximen und Reflexionen, die aufs Papier drängen.

Die Grundidee des Buches ist klassisch und vielfach bewährt: Ein Ich – das so wenig das Ich des Autors ist, wie Herr Keuner mit Herrn Brecht oder Monsieur Teste mit Monsieur Valéry identisch ist – äußert sich in Epigrammen und Kürzesterzählungen über alles und nichts, über Gott, Geist, Gedanken und Geld. In den ersten beiden Sudelbüchern aus den Jahren 1985 und 2003 hatte das Ich noch einen längeren Atem, es gab mehr Stoff, Szenen aus den Notizbüchern für den Roman Brandung, amerikanische Universitäten und junge Studentinnen kamen ins Bild, Zugfahrten durch die süddeutsche Provinz, Schaffnergeschichten, Reisebekanntschaften – das Gemurmel des Alltags.

Das jüngste Sudelbuch presst nun alles, was dem Ich in den Sinn kommt, in drei, vier, fünf Zeilen – halb Gedicht, halb Merkspruch, zum Beispiel so: "Das Meer schöpf ich mit dem Fingerhut / in meine Wüste der Geduld. / Im Alphabet sind meine Schiffe gestrandet". Es verwirbelt lautmalerisch halbseriöse Binnenreime und Alliterationen ("zu schleppen ein Schicksal schleppender Schwärze", "in einem Wald aus Wünschen wandeln"). Und es philosophemelt über die Welt ("ist alles, was verpfuscht ist"), die Wirklichkeit ("ist ein andauernder Attentatsversuch") und das Dasein ("ist ein Dickicht oder eine Leere").

Der Grundton ist elegisch – geschlossene Türen, leere Wände, Niederlagen, Asche, Sumpf, Depressionen, Einsamkeit, Demütigung, Unglück, Grab, Vernichtung, Verhängnis sind Signalwörter, für Weltklage und Ichschmerz. Das arme Ich kommt sich vor "wie eine leere Blechdose, die nur Geräusche gibt, wenn man sie kickt".

Wer geneigt ist, darin die wohlverdiente Altersdepression eines bewegten Autorenlebens zu erkennen, geht in die Falle dieser mit viel Bedacht inszenierten Jammerlappigkeit Martin Walsers, die bisher noch jede seiner Kunstfiguren gewärmt hat. Die Selbstzerknirschung, sogar Selbsterniedrigung gehört im Walser-Kosmos seit je zum Standardrepertoire literarischer Seelenhygiene. Schon in Meßmers Gedanken hieß es 1985: "Ich möchte mich zusammenfalten wie die Karte eines Landes, in das ich nicht mehr reisen werde". Im Jahr 2013 heißt es noch immer: "Zusammenfalten möchte ich mich bis zur Unverständlichkeit." Ohne die Rhetorik der Selbstzerstörung kommt Walsers literarische Selbstinszenierung nicht aus.

Wahr ist allerdings: Selten waren die Kunsttraurigkeiten des Martin Walser so unversöhnlich wie jetzt. Am Ende des Buches werden die Sätze immer kürzer, die Weißräume immer größer. Auf der letzten Seite – nur eine Zeile; der letzte Satz – nur zwei Worte. Abschiedsgesten. Als wäre man am Lebensende nicht reicher, sondern ärmer geworden: "Das Leben verschließt jedem den Mund. / Am Ende ist jeder still und lässt geschehen, / was geschieht, als sei er einverstanden".