Die Stuhlreihen in dem fensterlosen Raum sind gefüllt mit Trägern von Fleecejacken und Jack-Wolfskin-Rucksäcken. Es ist eine ziemlich anstrengende Veranstaltung, wenn 100 Pädagogen beisammensitzen, um über die Integration behinderter und verhaltensauffälliger Kinder in reguläre Schulen zu diskutieren. So wie an diesem Nachmittag in der Rostocker Stadthalle. Ein junger Mann hat unbemerkt in der vorletzten Reihe Platz genommen. Mit seinem braunen Rautenkaro-Anzug im Dreißiger-Jahre-Stil, dem weißem Hemd und der dunkelblonden Fönfrisur sieht er wie ein Swingboy aus. Später auf dem Weg zu seinem Wagen wird Mathias Brodkorb sagen: "Dufte, mein Anzug, oder?" Brodkorb ist 36 Jahre jung, SPD-Mitglied, Minister für Bildung, Wissenschaft und Kultur in Mecklenburg-Vorpommern und "dufte" sein Lieblingswort.

Brodkorb, der optisch in den Dreißigern und sprachlich in den frühen Neunzigern hängen geblieben zu sein scheint, ist als Bildungsminister verantwortlich für die Zukunft der Jungen in einem Bundesland, das auf den ersten Blick nicht allzu viel Zukunft bietet. Mecklenburg-Vorpommern hat kaum Industrie, liegt beim Wirtschaftswachstum hinten und bei der Arbeitslosenquote vorn. Geht es darum, die negativen Folgen des demografischen Wandels plastisch darzustellen, wird meist hierher geschaut, auf verwaiste Spielplätze und geschlossene Kindergärten. Was also hält einen wie Mathias Brodkorb, jung, gebildet und ehrgeizig, in diesem Bundesland?

"Ich bin hier zu Hause", sagt Brodkorb. Er ist hier nicht nur daheim, sondern bekleidet auch einen wichtigen Posten in der Großen Koalition von Erwin Sellering (SPD). Nun könnte man meinen, in einem Land wie Mecklenburg-Vorpommern, aus dem in den vergangenen 20 Jahren vor allem die Jungen und Ambitionierten abgewandert sind, sei es leichter, in ein solches Amt zu kommen – der relativ kleinen Auswahl wegen. Brodkorb allerdings ist alles andere als ein Übriggebliebener; er verfügt über enormes politisches Talent. Das zeigte er zum Beispiel als Erfinder von "Storch Heinar", dieser Persiflage auf das in der rechtsextremen Szene beliebte Modelabel Thor Steinar. Brodkorb ist einer der bekannteren Politiker seines Landes. Das ist wohl auch ein Grund, warum er hier bereits vor fünf Jahren, mit Anfang 30, in Schwerin als Minister gehandelt wurde. Als er 2011 dann das Bildungsministerium übernahm, war dies durchaus mutig, denn seit der Wende hat dort kein Minister länger als eine Legislaturperiode überlebt.

Mutig ist Mathias Brodkorb auch an diesem Nachmittag in der Rostocker Stadthalle. Er sitzt mittlerweile vorne auf dem Podium, und ein Mann aus dem Publikum echauffiert sich: Um das Projekt Inklusion bewältigen zu können, brauche es mehr Geld und Lehrerstellen. 99 Pädagogen nicken heftig. Da entgegnet Brodkorb: "Die Ressourcenfrage wirkt auf mich wie eine psychologische Entlastungsdiskussion." Die entscheidende Frage sei doch, ob ein Lehrer professionell arbeite. Denn wie gut eine Klasse abschneide, hänge in einem erheblichen Maß von der Leistung des Lehrers ab. Klare Worte, die im Publikum allerdings nicht gut ankommen. "Der macht es sich leicht", zischt eine Frau in Fleece, die sich vor einigen Minuten noch so sehr auf den Minister gefreut hatte. Was für ein Politiker ist dieser Mathias Brodkorb?

Ihn zu typisieren ist kompliziert. Eigentlich hat er das Zeug zum Vorzeige-Linken, zum Vorzeige-Intellektuellen, zum Vorzeige-Berufspolitiker. Eigentlich könnte er auch bundespolitisch Karriere machen. Eigentlich.

Mathias Brodkorb wird 1977 in Rostock geboren, zehn Jahre später zieht er zu seinem Vater nach Österreich, nachdem er zuvor ein Jahr lang in einem Kinderheim in Greifswald gelebt hat. Der junge Brodkorb hat die DDR aus familiären Gründen verlassen, nicht aus politischen. Die Verhältnisse in seiner Familie waren offenbar schwierig, aber das ist privat, darüber möchte er nicht reden. Nur so viel: Die Zeit im Heim sei dufte gewesen, und ansonsten habe er an das Leben im Osten keine Erinnerung.

Im Jahr 1992, als die DDR bereits Geschichte ist, kehrt er nach Rostock zurück. Dort, wo der Sozialismus eine krachende Niederlage erlebt hat, wird ausgerechnet Karl Marx zum Idol des 17-jährigen Mathias. Wie manche Wendungen in Brodkorbs Leben beginnt die Sache mit Marx durch seinen Drang, es genau wissen zu wollen. Als er mit einem Klassenkameraden vor der Stadtbibliothek wartet, um dort Jim-Morrison-Platten auszuleihen, plaudern die beiden über Gott, die Welt und den Kommunismus. "Die Idee ist ja gut, sie hat nur nicht geklappt", sagt Brodkorb. "Warum eigentlich nicht?", fragt sein Freund. Darauf weiß Brodkorb keine Antwort. In der Stadtbibliothek lässt er an diesem Tag Jim Morrison links liegen, stattdessen wälzt er Marx’ Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie.

Drei Tage lang versucht er sich an diesem Werk – und scheitert. Weil er aber nun einmal einer ist, der es wirklich wissen will, nimmt er sich eine andere Schrift von Marx vor, Lohn, Preis und Profit. Was durch diese Lektüre mit ihm passiert ist, beschreibt Brodkorb so: "Ein empathischer junger Mann glaubte plötzlich die Welt vollständig verstanden zu haben." Der Kapitalist sei böse, der Arbeiter gut. Und da er zu den Guten gehören wollte, habe er sich gesagt: "Du bist ab jetzt Kommunist." Kurze Zeit später tritt Brodkorb in die PDS ein, "pure Lektüreerfahrung" habe ihn zum politisch Linken und zum Parteimitglied werden lassen.