Der Blümchenökonom

Ralph Heinisch war nicht auf einer Waldorfschule, und bis vor einiger Zeit wusste er auch nicht, welche Rolle das Planetensystem für Anthroposophen spielt. Trotzdem holte Weleda, der anthroposophische Naturkosmetik- und Arzneimittelhersteller, Heinisch als Geschäftsführer ins Haus. Es ging nicht anders. 2011 lag das Minus bei 8,6 Millionen Euro, ein Mann von außen sollte das Unternehmen retten. Heute geht es Weleda tatsächlich besser, 2012 sind die Umsätze um fünf Prozent auf rund 324 Millionen Euro gestiegen, auch das Ergebnis sei positiv, heißt es. Eine genaue Zahl wird nicht genannt.

Weleda gibt es seit mehr als 90 Jahren, gegründet wurde das Unternehmen von dem Anthroposophen Rudolf Steiner und der Ärztin Ita Wegman, der Slogan: "Im Einklang mit Mensch und Natur". Die Marke ist weltweit erfolgreich, in Deutschland ist Weleda auf dem Naturkosmetikmarkt sogar führend. Mit Cremes und Lotionen erzielt das Unternehmen rund 70 Prozent seines Umsatzes, die anthroposophischen Arzneimittel sind das Sorgenkind. Weleda soll sie zu günstig verkauft haben und machte so Verluste. "Das fragile Gleichgewicht ist aus dem Ruder gelaufen", sagt Heinisch heute. "Unser Ergebnis beträgt nicht mal ein Prozent des Umsatzes." Für Weleda heißt das: "Der kleinste Planungsfehler lässt die Waage kippen."

Die Gründer von Weleda waren keine Kaufleute. "Der ökonomische Aspekt hat zunächst einmal keine wesentliche Rolle gespielt", sagt Heinisch. Noch heute sind die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft (AAG) und die Ita Wegman Klinik AG die beiden Hauptaktionäre von Weleda, zusammen halten sie 80 Prozent der Stimmrechte. Die Gesundheit des Menschen soll im Vordergrund stehen, nicht die Zahlen. Ein Anspruch, der jeden Sanierer in den Wahnsinn treiben kann.

Weleda wirbt selbst in Elle und Vogue

Vor ein paar Jahren noch war Naturkosmetik ein Nischengeschäft. Mit einem Gesamtumsatz von 860 Millionen Euro (plus 5,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr) ist der deutsche Markt inzwischen der größte in Europa. Früher gab es die Produkte nur in Reformhäusern zu kaufen, sie standen zwischen veganen Brotaufstrichen und glutenfreien Keksen. Heute ist das anders: Ringelblumencremes von Weleda oder Dr. Hauschka werden in Hochglanzmagazinen wie Elle oder Vogue angepriesen.

Der Hauptsitz von Weleda liegt in einem Industriegebiet am Rande von Basel, drinnen sind die Wände in warmen Farben gestrichen, der Flur, an dessen Ende Heinischs Büro liegt, ist lila, das Büro selbst einfach nur weiß. An der Wand hängt ein Kalender mit Gartenansicht, für März steht da: "Der Weg aus einer Sackgasse heißt Veränderung". Für Weleda war Heinisch diese Veränderung.

Als er vor einem Jahr zu Weleda kam, legte er die Geschäftsbereiche Naturkosmetik und Arzneimittel zusammen, das Büro in der Baseler Innenstadt, das erst kurz zuvor eröffnet worden war, ließ er wieder schließen. Und er strich 100 Stellen.

Das sorgte für Kritik vor allem aus den Reihen der Anthroposophen, die Angst haben, dass ein Nicht-Anthroposoph ihr Unternehmen umkrempelt. Einer, der nicht aus dem "Urschlamm" kommt, so spricht man von Mitarbeitern, die schon in einen Waldorf-Kindergarten gingen. Bevor Heinisch zu Weleda kam, sanierte er das anthroposophisch orientierte Paracelsus-Krankenhaus in der Nähe von Pforzheim. Manche behaupten, dass der anthroposophische Geist dabei verloren gegangen sei. Heinisch dementiert das: "Heute wird dort nicht weniger anthroposophische Medizin betrieben als zu der Zeit, bevor ich kam." Inzwischen würden doppelt so viele Patienten behandelt, das therapeutische Spektrum sei ausgeweitet worden. Ein sehr ökonomisches Verständnis von Anthroposophie.

"Mein Leben ist durch Zufälle und solche Bauchentscheidungen geprägt"

Heinisch ist ein Zahlenmensch. Er studierte Betriebswirtschaftslehre, den Schwerpunkt legte er auf Wirtschaftsprüfung. Neun Jahre lang checkte er Zahlen, "irgendwann hat mich das nicht mehr befriedigt", sagt er. In den Neunzigern wurde er Chef der deutschen Unternehmensgruppe Schöck in Baden-Baden, Hersteller von Bauteilen wie Balkonstützen. Danach begann seine Karriere als Interimsmanager, als Feuerwehrmann. Das Vertrauen, das man da bekomme, sei gewaltig, sagt Heinisch. "Es ist vergleichbar mit einem Blankoscheck."

Während der ersten Wochen bei Weleda schlief er in einem Wohnwagen. Es ist sein eigener, seit Jahrzehnten ist er damit im Urlaub unterwegs. Der soziale Zusammenhalt, sagt Heinisch, sei nirgends größer als auf Campingplätzen. Und dort frage ihn niemand, was er beruflich mache.

Der neue Chef will nicht auffallen

Heinisch will nicht auffallen, auch nicht als Chef. Er ist groß und schlank, ein bisschen läuft er gebückt. Zum Termin mit der ZEIT bringt er den Marktleiter mit, Andreas Sommer, Waldorfschüler und seit 1997 bei Weleda. Es gibt Stimmen, die Sommer als Heinischs "Einflüsterer" bezeichnen. Auch an diesem Tag soll erst einmal Sommer reden. Während des gesamten Gesprächs bleibt er an Heinisch Seite.

Ähnlich wie auf dem Campingplatz ist Heinisch auch bei Weleda gern nah bei den Menschen. Er sucht das Gespräch mit den Mitarbeitern, läuft oft durch die Produktionsstätte, so wie an diesem Tag. Er lässt sich die neuen Plastikbehälter zeigen. Sie sollen die für Weleda typischen Glasflaschen ablösen, zum Teil jedenfalls.

Massenprodukte wie Duschgels oder Deodorants werden vollautomatisch produziert, die Personalkosten in der Schweiz sind hoch, Maschinen sind da günstiger. Jene, die gerade das Duschgel in die Tuben füllt, kam im vergangenen Jahr neu hinzu. Eine Halle weiter lagern die ätherischen Öle in einem gekühlten Raum, weil sie dort nicht so schnell verdunsten. Die Rohstoffe für die Kosmetikprodukte sind teuer, allein ein Milliliter ätherisches Wildrosenöl kostet sechs Euro. Teuer sind auch die Qualitätskontrollen der Kosmetikprodukte: Bis zu acht Wochen kann so eine Kontrolle im Labor dauern, in der chemischen Kosmetik ist es lediglich ein Tag. Die Kontrollen sichern das Vertrauen in die Marke, an ihnen wird Heinisch nicht sparen können.

Jede Woche fährt Heinisch zwischen den Weleda-Standorten in der Schweiz und Baden-Württemberg und seiner Heimat Marburg hin und her. Unterwegs hört er keine Musik, sondern Vorträge, der letzte hieß: "Der Zufall trifft nur auf einen vorbereiteten Geist." Es ging um Intuition und darum, dass Bauchentscheidungen oft die besseren sind. Heinisch sagt: "Mein Leben ist durch Zufälle und solche Bauchentscheidungen geprägt." Auch bei Weleda sei das bislang so gewesen. Jetzt sei das Unternehmen in Schwingung. Wenn Ralph Heinisch solche Dinge sagt, hört er sich fast wie ein Anthroposoph an.