So geringe Erwartungen hatte die Reise eines US-Präsidenten selten geweckt. Was will er hier?, hatten sich viele Israelis gefragt. Was soll’s bringen?, war vonseiten der Palästinenser zu hören. Doch nach vier Tagen im Nahen Osten hat Barack Obama einiges vorzuweisen: Israels Premierminister umarmt und gleichzeitig elegant in die Seite geboxt; Israel und die Türkei aus ihrer feindseligen Erstarrung herausgeholt; und Palästinenser und Israelis dazu gebracht, zaghaft zu signalisieren, dass sie für neue Friedensgespräche keine unerfüllbaren Vorbedingungen mehr stellen wollen.

Diese kleinen Erfolge wären kaum möglich gewesen, hätte Obama nicht aus seinen Fehlern gelernt. Seine bisherige Nahostpolitik lässt sich am besten so beschreiben: ein grandioser Anlauf, gefolgt von einer harten Bauchlandung. Gleich nach seinem ersten Wahlsieg 2008 hatte er die Warnungen seiner Vorgänger in den Wind geschlagen und neue Friedensverhandlungen in Nahost zur Chefsache erklärt. Alsbald reiste er nach Kairo, hielt eine bedeutende Rede und bezirzte die muslimischen Staaten. Um Jerusalem jedoch machte er vier Jahre lang einen großen Bogen. Aus verständlicher Verbitterung über Israels fatale Besatzungspolitik verlangte er einen unverzüglichen Siedlungsstopp als Vorbedingung für Friedensgespräche. Und indem er den modernen jüdischen Staat als Antwort auf den Holocaust definierte und nicht als biblische Konsequenz, verprellte er Amerikas engsten Verbündeten noch mehr.

Die Rede von Kairo verpuffte bald, die Regierung in Jerusalem baute weiter neue Siedlungen, die Hamas feuerte weiter Raketen auf Israel. Als sich die Protestbewegungen in Ägypten, Tunesien, Libyen und Syrien gegen ihre Despoten erhoben, blieb der Supermacht nicht viel mehr als eine Statistenrolle.

Dermaßen düpiert, hat sich Barack Obama in einer nunmehr extrem angespannten Region zu einer diplomatischen Offensive von Charme und Klartext entschlossen. Israels Premierminister Bibi Netanyahu, für den er wenig Sympathie hegt, umgarnte er. Vom Siedlungsstopp als Vorbedingung für neue Verhandlungen war keine Rede mehr. Und als Reminiszenz an Israels biblische Wurzeln besuchte er das Grab des zionistischen Vordenkers Theodor Herzl. Gleichwohl aber machte er deutlich, dass Israel als Besatzungsmacht keine Zukunft habe und nur ein ebenso unabhängiger wie lebensfähiger palästinensischer Staat auf Dauer Frieden und Sicherheit gewährleisten könne.

Diese andere Tonlage ist der Erkenntnis geschuldet, dass man ohne Israels Einlenken keinen Schritt im Nahen und Mittleren Osten vorwärtskommt. Die Verhärtungen haben nur alle Beziehungen schwieriger werden lassen: zu den Palästinensern, zu den arabischen Nachbarn – und vor allem zur Türkei. Das ehemals gute Verhältnis zwischen den Regierungen in Jerusalem und Ankara war stets ungeheuer wichtig, wenn es um die Deeskalation der vielen regionalen Konflikte ging. Immer wieder konnte die Türkei hilfreich vermitteln. Doch nachdem das israelische Militär im Mai 2010 ein Schiff mit türkischen Hilfslieferungen für die Palästinenser im Gaza-Streifen gekapert und dabei neun Türken getötet hatte, kam es zum offenen Bruch.

Obamas neue Strategie des Umarmens gegenüber Israel blieb nicht unerwidert: So deutlich wie lange nicht bekannte sich Netanjahu zu einer Zwei-Staaten-Lösung. Plötzlich stand auch die Atomuhr des Irans nicht mehr auf einer Minute vor zwölf. Und auf Drängen des Präsidenten bot Netanjahu telefonisch dem türkischen Premierminister Erdoğan eine Entschuldigung für das Kapern des Hilfsschiffes und Kompensation für die Todesopfer an. Jetzt werden auch wieder Botschafter ausgetauscht.

Selbst die Affronts auf dieser Reise waren wohlplatziert: Statt in der Knesset zu reden, plädierte Obama vor jungen Israelis klar für einen palästinensischen Staat. Für seine Forderung, den eigenen Politikern Dampf zu machen, erntete er tosenden Applaus. Von einer Rückkehr zum Verhandlungstisch sind beide Seiten noch weit entfernt. Doch für einen vermeintlich nutzlosen Besuch hat Obama ordentlich Staub aufgewirbelt.