Vor 14 Jahren standen zwei türkische Bürger kurz davor, ins Gefängnis zu gehen. Der eine war in Kenia vom türkischen Geheimdienst verhaftet worden. Der andere war in Istanbul wegen der Verlesung eines nationalreligiösen Gedichts von einem Gericht verurteilt worden. Beide, ein Kurde und ein religiöser Politiker, wurden damals vom türkischen Staat erbittert verfolgt. Nun gestalten die zwei die Zukunft der Türkei: der Kurdenführer Abdullah Öcalan und der türkische Premier Recep Tayyip Erdoğan.

In der vorigen Woche hat der inhaftierte Abdullah Öcalan eine historische Rede in Dyarbakr verlesen lassen. Er rief die Kämpfer der kurdischen Bergmilizen PKK – seiner PKK – auf, die Waffen niederzulegen und sich von den Grenzen der Türkei zurückzuziehen. Erdoğan hat diese Rede begrüßt und will nun Taten sehen. Dreißig Jahre nach Beginn des Krieges im kurdischen Südosten der Türkei ruft der Lieblingsfeind Ankaras also zum Frieden auf, mit Erdoğans ausdrücklicher Zustimmung – noch vor einem Jahr wäre das undenkbar gewesen. Krieg oder Frieden liegen nun in den Händen der früheren Außenseiter. Wie konnte es dazu kommen?

In den neunziger Jahren, lange vor seiner Verhaftung, residierte Abdullah Öcalan abwechselnd in zwei Villen in Damaskus und Aleppo. Dort ließ er sich von einer PKK-Frauenbrigade bedienen, bekochen und den Rücken massieren, während er seine Kämpfer in der Türkei befehligte. Er galt als der Egomane, der sich als größter Kämpfer, größter Kurde und größter Feldherr aller Zeiten verstand. Auch dass er in Fußballspielen mit seinen Damaszener Kumpanen gewann, war ihm so wichtig, dass er die Resultate in Fernsehinterviews zum Thema machte.

"Ich wollte ihn nicht loslassen, er wollte mich nicht loslassen"

Fußball ist auch Erdoğans Leidenschaft. Eigentlich wollte er mal Profi werden, eine Verletzung verhinderte es. Er wurde dann Bürgermeister von Istanbul.

Die gloriose Kämpferzeit Öcalans endete 1998, als Ankara Syrien mit Krieg drohte, wenn es nicht die PKK ächtete und Öcalan von seinem Kommandostand am Pool in Damaskus vertrieb. Öcalan musste fliehen, über Moskau und Rom nach Kenia, wo er schließlich Obdach in der griechischen Botschaft in Nairobi fand. Die Türkei presste ihn heraus und brachte ihn auf die kleine Insel Imral im Marmarameer. Dort sitzt er seither in einer 13-Quadratmeter-Zelle in Haft, ohne Internet und Satellitenfernseher, aber mit Briefkontakt zur Außenwelt.

Öcalan blieb aber der unumstrittene Führer der Kurden, und ob es der türkischen Regierung gefiel oder nicht: Viele verehren ihn bis heute wie einen Heiligen. Der Führer der prokurdischen Partei für Frieden und Demokratie (BDP), die als politischer Arm der PKK gilt, hat ihn vor wenigen Tagen im Gefängnis besucht. Der türkischen Zeitung Radikal erzählte Selahattin Demirtaș im Anschluss, wie er den Besuch empfunden hat: Zuerst machte er klar, dass er diesen nicht als Gefangenenbesuch, sondern als politische Konferenz sah – schon daran ist zu erkennen, welch große Faszination Öcalan auf die kurdischen Politiker in der Türkei ausübt. Was dann folgte, kam einer Huldigung gleich. "Als ich ins Zimmer kam, stand er da. Er war sehr aufgeregt, und ich auch. Wir sahen uns einige Sekunden lang an, dann gaben wir uns sehr lange die Hand. Ich wollte ihn nicht loslassen, er wollte mich nicht loslassen. Es war, als hätte ich einen Verwandten wiedergetroffen, den ich sehr lange nicht gesehen habe. Ich war glücklich."