DIE ZEIT: Frau Spirig, Sie sind der Inbegriff des Ehrgeizes.

Nicola Spirig: Ach ja?

ZEIT: Würden Sie das bestreiten?

Spirig: Ich brauche den Ehrgeiz, um die hohen Ziele, die ich mir im Leben gesteckt habe, zu erreichen.

ZEIT: Wann wussten Sie, dass Sie ehrgeiziger sind als andere?

Spirig: Ich bin das kleinste von drei Geschwistern. Ich wollte ihnen stets nacheifern. Und ich komme aus einer Lehrerfamilie, deshalb wollte ich auch schulisch sehr gut sein.

ZEIT: Sie wollen es nicht gemütlich haben.

Spirig: Ich bin zufriedener, wenn ich ein Ziel verfolgen kann, auch wenn ich mich dafür anstrengen muss.

ZEIT: Beim olympischen Triathlon war die Schwedin Lisa Norden 50 Meter vor dem Ziel eigentlich schon vorbei an Ihnen. Andere hätten sich mit dem zweiten Platz begnügt. Sie nicht. Warum?

Spirig: Weil ich den Sieg unbedingt wollte. Ich hatte sehr viel dafür getan, um Erste zu werden. Die Planung war akribisch, mein Einsatz 100 Prozent.

ZEIT: Sie sind schon drei Jahre vorher nach London gereist, um die Strecke kennenzulernen. Sie haben den Zielsprint 1.000-mal geübt. Sie sind während Monaten immer um die gleiche Zeit aufgestanden, um den Körper an den Tag des Rennens zu gewöhnen. Sie wussten schon lange vorher, dass Sie an diesem Morgen eine Tafel Schokolade und eine Banane essen werden. Sind Sie wahnsinnig?

Spirig: Das denke ich nicht. Aber ich sehe, Sie haben sich gut vorbereitet.

ZEIT: Ich will Sie und mich nicht langweilen.

Spirig: Danke. Ich wusste, dass ich Lisa Norden schlagen kann, die letzten drei Sprints gegen sie hatte ich gewonnen. Dieses Wissen machte vielleicht den Unterschied aus. Am Ende glaubte ich daran, dass ich die Olympia-Goldmedaille holen kann. Da hat mir mein Trainer viel geholfen. Als Schweizerin hatte ich nicht lange den Mut und das Selbstvertrauen gehabt, mir ein solch hohes Ziel zu stecken. Ich wollte einfach möglichst weit nach vorne kommen. Aber Brett Sutton sagte mir, er würde mich nur weiter trainieren, wenn ich bereit sei, das absolut Beste aus mir herauszuholen und den Olympiasieg als Ziel zu definieren.

ZEIT: Wann fassten Sie dieses Ziel?

Spirig: Nach Peking 2008 wollte ich bei den nächsten Spielen eine Medaille holen. Im Laufe der letzten zwei Jahre wollte ich dann die Goldmedaille – und nur diese. Hätte ich das nicht gewollt, hätte ich sie nicht geholt.

ZEIT: Haben Sie sich die Medaille innerlich ständig vor Augen geführt?

Spirig: Nein. Ich habe mir vorgestellt, wie ich alle anderen Athletinnen schlagen kann. Ich kannte die Stärken und Schwächen jeder Einzelnen, wusste, was für eine Taktik sie anzuwenden versuchen würden.

ZEIT: Am Schluss gewinnt man im Kopf?

Spirig: Ja, vorausgesetzt, man hat das körperliche Niveau der fünf, zehn Besten der Welt.

ZEIT: Sie hatten während des Rennens Beinkrämpfe, Sie haben diese einfach ignoriert. Sie haben Ihren Körper besiegt.

Spirig: Ich habe meinen Körper nicht besiegt, habe aber gelernt, mit Problemen umzugehen und Lösungen dafür zu finden. Aufgrund der Krämpfe musste ich am Ende meine Taktik ändern, habe mich dadurch aber nicht aus der Ruhe bringen lassen. Mit Willen kann man unglaublich viel erreichen.